Yamazaki 18 – Ein Whisky voller Schatten und Echos
Von Rafi Mercer
Manche Whiskys heißen einen mit einem Lächeln willkommen; andere öffnen eine Tür zur Stille. Der Yamazaki 18 gehört zu Letzteren. Ihn einzuschenken bedeutet, einen dunkleren Raum zu betreten, der mit Eiche und Leder ausgekleidet ist und dessen Vorhänge vor der Außenwelt verschlossen sind. Seine Tiefe liegt nicht in seinem Alkoholgehalt oder seiner Stärke, sondern in der Atmosphäre, die er schafft – reichhaltig, besinnlich, fast symphonisch.
Die zwischen Kyoto und Osaka gelegene Yamazaki-Brennerei ist die Wiege des japanischen Whiskys. Ihr Gründer, Shinjiro Torii, wählte diesen Standort aufgrund des reinen Wassers und des feuchten Klimas aus, da er davon überzeugt war, dass die subtilen jahreszeitlichen Veränderungen einen Whisky hervorbringen würden, der sich von allen schottischen Sorten unterscheidet. Während die 12-jährige Abfüllung den Einstieg bildete – sozusagen die erste offene Tür –, ist der Yamazaki 18 die tiefere Kammer: komplex, vielschichtig und ehrfürchtig.
Die Flüssigkeit schimmert im Glas in einem tiefen Bronzeton, fast schon mahagonifarben. In der Nase ist er üppig: schwarze Kirschen, Feigen, Rosinen, reichhaltige Sherry-Frucht. Dahinter kommen dunkle Schokolade, poliertes Holz, Leder und ein Hauch von Rauch zum Vorschein. Am Gaumen entfaltet er sich wie ein Orchester beim Einspielen: Pflaumen, Espresso, Gewürze und Eiche, alles breit und miteinander verwoben. Der Abgang ist lang und vielschichtig – Kakao, Trockenfrüchte, ein Hauch von Weihrauch, der nachklingt wie ein Akkord, der sich nicht auflösen will.
Yamazaki 18 ist kein Whisky, den man gedankenlos trinkt. Es ist ein Whisky, der einen zur Ruhe kommen lässt, der das Zeitgefühl verzerrt. Deshalb passt er im „Tracks & Tales Guide to the Top 50 Whiskies“ so natürlich zu Pink Floyds „The Dark Side of the Moon“. Beide sind Werke, die den Hörer in ihren Bann ziehen und volle Aufmerksamkeit erfordern. Beide gestalten die Stille ebenso neu wie den Klang. Beide sind zu Meilensteinen geworden – nicht nur für Kenner, sondern für jeden, der schon einmal für fünfundvierzig Minuten oder für einen langen Schluck in eine andere Dimension eintauchen wollte.
In der Hörbar ist die Kombination geradezu unheimlich. Während der einleitende Herzschlag von „Speak to Me“ aus den Lautsprechern pulsiert, begegnet ihm der Yamazaki 18 mit seiner eigenen, beständigen Schwere. Spätestens wenn „Time“ seine Glockenschläge und sein Gitarrensolo entfaltet, hat sich der Whisky ausgebreitet und erweitert und offenbart seine Vielschichtigkeit. Und wenn „Eclipse“ mit jener abschließenden Aussage endet – alles unter der Sonne ist im Einklang –, hinterlässt der Whisky seine eigene Coda, einen Nachgeschmack, der noch lange, nachdem das Glas leer ist, in der Luft nachzuklingen scheint.
Sowohl beim Whisky als auch beim Album geht es ebenso sehr um Struktur wie um das Erlebnis. „The Dark Side of the Moon“ ist keine Sammlung von Liedern, sondern ein architektonisches Ganzes; der Yamazaki 18 ist keine Aneinanderreihung von Aromen, sondern eine Komposition. Jedes Element hat seinen Platz, jede Schicht ist so aufgebaut, dass sie eine andere stützt, und das Ergebnis ist ein Erlebnis, das größer wirkt als die Summe seiner Teile. Das ist Whisky als Musik und Musik als Raum.
Es wäre ein Leichtes, den Yamazaki 18 als Sammlerstück zu betrachten – selten, teuer, aus der Ferne bewundert. Doch sein wahrer Wert liegt nicht im Sammeln, sondern im Genießen. Er gehört ins Glas, in den Raum, neben die Schallplatte. Denn er ist nicht nur ein Getränk, sondern eine Art, die Zeit zu gestalten.
Für alle, die ihren eigenen Leitfaden zu den 50 besten Alben für Deep Listening oder ihre eigene Auswahl an Whiskys für den Klang zusammenstellen, zeigt der Yamazaki 18, was passiert, wenn Handwerkskunst mit Geduld gepaart wird. Er ist kein Hintergrund. Er erinnert daran, dass die besten Erlebnisse – ob flüssig oder klanglich – diejenigen sind, die einen dazu auffordern, innezuhalten, aufmerksam zu werden und zu verweilen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.