Yoichi Single Malt – Salz, Rauch und eine gewisse Rauheit

Von Rafi Mercer

Manche Whiskys schmecken nach ihrer Herkunft. Der Yoichi Single Malt verkörpert mit jedem Schluck die raue Kraft der Nordküste von Hokkaidō. Er ist salzig, rauchig, elementar – ein Whisky, der sich anfühlt, als sei er von Wind und Meeresgischt geformt worden. Die 1934 gegründete Yoichi-Brennerei war Masataka Taketsurus Antwort auf seine Vision von Whisky nach schottischer Art auf japanischem Boden. Er wählte Yoichi wegen seines Klimas und der Nähe zum Meer, in der Überzeugung, dass der Ort selbst dem Whisky seinen Charakter verleihen würde. Auch Jahrzehnte später hallt diese Entscheidung noch in jeder Flasche nach.

Im Glas präsentiert sich der Yoichi Single Malt in blassem Bernstein, dessen Klarheit seine Tiefe kaum erahnen lässt. In der Nase steigt sofort Torfrauch auf – schärfer als bei seinen Suntory-Verwandten, aber niemals herb. Dazu kommt eine salzige Note, wie von auf Steinen trocknendem Seetang, gepaart mit Anklängen von Apfel und dezenter Vanille. Am Gaumen entfaltet sich der Whisky mit vielschichtigen Noten von Rauch, Salz, nussigem Malz und einem Hauch von Würze. Der Abgang ist lang und trocken und hinterlässt Anklänge von verkohltem Eichenholz und Meeresluft.

Yoichi strebt nicht nach Harmonie. Er strebt nach Kraft im Gleichgewicht mit Strenge. Er ist ein Whisky wie das Wetter: unvorhersehbar, elementar, unmöglich zu zähmen. Und genau deshalb wird er im „Tracks & Tales Guide to the Top 50 Whiskies“ mit „The Velvet Underground & Nico“ gepaart. Beide Werke sind roh, kompromisslos und in ihrer Ehrlichkeit fast schon provokativ. Keines von beiden wurde geschaffen, um die Massen zu erfreuen; beide wurden geschaffen, um sich selbst treu zu bleiben.

Das Debütalbum von The Velvet Underground aus dem Jahr 1967 gilt nach wie vor als eines der einflussreichsten Alben aller Zeiten – nicht, weil es sich millionenfach verkaufte, sondern weil es die Grenzen dessen, was Musik sein kann, neu definierte. Rau, avantgardistisch, eine Mischung aus Kunst und Rock: Die Titel spiegelten das Leben in New York wider: Heroin, Sex, Dissonanz. „I’m Waiting for the Man“ prescht voran wie ein Zug, während „Heroin“ sich aufbaut und zusammenbricht wie ein Sturm. Yoichi Single Malt funktioniert genauso. Er glättet die Ecken und Kanten nicht, sondern verstärkt sie und macht sie zu einem Teil des Erlebnisses.

Stellt euch diese Kombination in einer Hörbar vor. Ein Gläschen Yoichi in der Hand, während die ersten Töne von „Sunday Morning“ erklingen – eine versüßte Oberfläche, die verbirgt, was darunter liegt. Bei „Venus in Furs“ mit seiner dröhnenden Bratsche und den provokanten Texten spiegeln der rauchige und salzige Geschmack des Whiskys die dunklere Unterströmung der Platte wider. Sowohl der Whisky als auch das Album sind Geschmackssachen, aber sobald man sich daran gewöhnt hat, werden sie zu einer regelrechten Obsession.

Was Yoichi im Guide auszeichnet, ist seine Rolle als Kontrapunkt. Während Hibiki Harmonie und Yamazaki Eleganz bieten, steht Yoichi für Unverfälschtheit und Salzigkeit. Es erinnert uns daran, dass es beim Hören – sei es beim Klang oder beim Geschmack – nicht immer um Perfektion geht. Manchmal geht es um die ungeschminkte Wahrheit, um die Schärfe, die Selbstzufriedenheit durchbricht.

Für alle, die sich mit japanischem Whisky beschäftigen, ist Yoichi ein Muss, denn er beweist, dass Japans Identität nicht einseitig ist. Er kann raffiniert und poetisch sein, ja, aber er kann auch küstennah, torfig und kompromisslos sein. So wie The Velvet Underground neue Wege für den Rock und die experimentelle Musik erschlossen haben, hat Yoichi eine weitere Facette der japanischen Whisky-Landschaft erschlossen – eine, in der das Unverfälschte seine eigene Schönheit hat.

Trinken Sie ihn pur, in einem ruhigen Moment, und Sie werden das Meer spüren. Trinken Sie ihn in einer Bar, während „The Velvet Underground & Nico“ auf dem Plattenteller läuft, und Sie werden die Kraft von etwas Rebellischem spüren. So oder so hinterlässt Yoichi seine Spuren – Salz, Rauch und alles, was dazugehört.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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