Dublin: Wo Pubs auf Stille treffen

Dublin: Wo Pubs auf Stille treffen


Von Rafi Mercer

Dublin ist eine Stadt, die vor Stimmen nur so brummt. Wenn man an einem Freitagabend durch die Straßen schlendert, hört man, wie Türen aufschwingen, Gelächter nach draußen dringt und der Rhythmus der Gespräche so lebhaft ist wie der einer Band. Seit Jahrhunderten ist der Pub die große Bühne der Stadt, ein Ort, an dem Klänge gemeinsam erlebt werden, an dem Musik nicht in Konzertsälen, sondern in den Ecken der Stadt lebt. Der Klang Dublins ist gesellig, geprägt von Akzenten und Geschichten, und seine Musik ist seit jeher aus diesen Wurzeln gewachsen – Lieder, getragen von der kollektiven Stimme.

Doch in den letzten Jahren hat sich eine andere Art von Ort herausgebildet, der zwar ruhiger, aber nicht weniger gemeinschaftlich ist. „Listening Bars“ finden langsam ihren Platz in der irischen Hauptstadt. Auf den ersten Blick mag das wie ein Widerspruch erscheinen: Eine Kultur, die für Lärm und Geselligkeit bekannt ist, setzt auf Stille und Klangtreue. Doch wenn man in einer solchen Bar sitzt, ergibt das vollkommen Sinn. Im Pub ging es schon immer um das Zusammenkommen; in der „Listening Bar“ geht es um dasselbe, nur dass sich der Fokus verlagert hat. Die Gespräche werden leiser, die Schallplatte übernimmt die Führung, die Aufmerksamkeit schärft sich. Wo der Pub Lärm bietet, bietet die „Listening Bar“ Tiefe.

Es ist nicht so, dass Dublin seine Pub-Kultur hinter sich lässt. Ganz im Gegenteil – das Pint Stout, die Wärme des Holzes, die ungezwungene Atmosphäre werden niemals verschwinden. Doch die „Listening Bar“ bietet eine Parallele, ein neues Ritual für eine Stadt, die Rituale schon immer geschätzt hat. Die Nadel aufzusetzen und die ersten Takte von Van Morrison zu hören, in einem Raum zu sitzen, in dem Stille den Klang umrahmt – das ist so irisch wie das Geschichtenerzählen selbst, nur neu abgestimmt auf das 21. Jahrhundert.

In der Musikgeschichte Dublins ging es schon immer um Vielschichtigkeit. Volksballaden wurden zu Rockhymnen, traditionelle Melodien wurden von Punk-Energie durchdrungen, globale Klänge vermischten sich mit lokalen Akzenten. U2 probten in verfallenden Fabriken; Sinead O’Connor verkörperte sowohl Dublins Schmerz als auch seinen Trotz; die Straßenmusiker der Stadt verwandeln die Grafton Street noch immer in eine Open-Air-Bühne. In diese Vielschichtigkeit fügt sich Vinyl nahtlos ein. Es hat Textur, Unvollkommenheit, Präsenz. In einem Zeitalter digitaler Perfektion entdecken die Dubliner den Reiz von Schallplatten wieder – ihr Gewicht und ihr Ritual passen zu einer Kultur, die Erinnerungen und Geschichten schätzt.

Was mich fasziniert, ist, wie selbstverständlich die Stille mittlerweile in dieser Stadt ist. In einer „Listening Bar“, die etwas abseits in einer Seitenstraße liegt, trifft man auf ein junges Publikum, das bereit ist, seine Handys stummzuschalten, leise zu sprechen und die Schallplatte für sich sprechen zu lassen. Vielleicht liegt es daran, dass Dublin schon immer gewusst hat, dass Stille genauso wichtig ist wie Lärm. In der Literatur, in Liedern, in der Politik haben Pausen schon immer Kraft gehabt. Eine gut getimte Stille in einem Pub kann die Stimmung im Raum genauso verändern wie ein Witz. Die „Listening Bar“ greift diesen Instinkt auf und baut darauf eine Kultur auf.

Wenn man wieder in die Nacht hinausgeht, wird der Kontrast noch deutlicher. Die Stadt pulsiert, die Kneipen leuchten, das lebhafte Stimmengewirr hallt durch jede Straße. Und doch bleibt in den Ohren das Detail der Schallplatte nachklingen – eine Bläserpassage, eine Bassschwingung, eine stimmliche Unvollkommenheit, die sich im Rille festgesetzt hat. Dublin ist nach wie vor eine Stadt des Lärms, doch es gibt dort nun Orte, an denen Stille keine Abwesenheit, sondern Präsenz ist, an denen Musik nicht als Hintergrund, sondern als Atmosphäre wahrgenommen wird.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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