Gänse – Getting Killed (2025)
Von Rafi Mercer
Es gibt Alben, die klar und deutlich erklärt werden und bereits mit einer Erzählung verpackt sind, der man zustimmen soll. Und dann gibt es Alben, bei denen es sich fast schon gefährlich anfühlt, sie festzunageln – Alben, die sich zu schnell entwickeln, mitten im Satz die Meinung ändern und einen im Unklaren darüber lassen, ob man nun unterhalten, verunsichert oder stillschweigend verstanden wurde. „Getting Killed“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Was mir als Erstes auffällt, wenn ich mir das Album im Nachhinein anhöre und nicht direkt nach der Veröffentlichung, ist, wie bewusst lebendig es sich anfühlt. Nicht „poliert-lebendig“, nicht „industrie-lebendig“ – sondern „menschlich-lebendig“. Die Art von Lebendigkeit, die chaotisch, impulsiv, gelegentlich unbeholfen und zutiefst aufmerksam gegenüber ihrer Umgebung ist. Das ist keine Band, die ihre Ecken und Kanten glättet, um langfristig erfolgreich zu sein. Es ist eine Band, die sich der Idee verschreibt, dass gerade an den Ecken und Kanten noch Bedeutung entsteht.

Geese betrachten Songs weniger als fertige Werke, sondern vielmehr als sich ständig weiterentwickelnde Zustände. Die Stücke schlingern, winden sich, münden in Momente der Klarheit und lösen sich dann wieder auf. Zunächst mag sich das provokativ anfühlen – als würde das Album die Geduld des Hörers auf die Probe stellen. Doch mit der Zeit offenbart sich diese Unruhe als bewusste Absicht. Es ist Musik, die von einer Welt geprägt ist, die sich weigert, stillzustehen, und von Köpfen, die zwar überreizt sind, aber dennoch nach Aufrichtigkeit streben.
Cameron Winters Stimme spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie präsentiert sich nicht als feststehende Persönlichkeit, sondern wirkt eher wie ein freiliegender Nerv. Mal verspielt, mal angespannt, mal überraschend zärtlich – sie vermittelt das Gefühl, dass sich der Gedanke erst während des Sprechens formt. Diese Unmittelbarkeit ist selten. Zu viele moderne Alben klingen wie fertige Schlussfolgerungen. „Getting Killed“ klingt hingegen nach einem Prozess.
Hier kommt auch ein tiefes Verständnis für Spannungsverhältnisse zum Tragen – nicht nur laut versus leise, sondern auch Dichte versus Raum. Die Band weiß, wann sie die Dinge ausufern lassen muss und wann sie sie gerade so weit zurücknehmen muss, dass der Zuhörer durchatmen kann. Hinter den theatralischen Ausschmückungen und plötzlichen Wendungen verbirgt sich ein überraschend hohes Maß an Kontrolle. Chaos, ja – aber ein gelenktes Chaos, das eher vom Instinkt als vom Zufall geprägt ist.
Auf lange Sicht bleibt mir nicht der Schock eines einzelnen Moments im Gedächtnis, sondern die emotionale Präzision des Albums. Hinter dem Humor, der Schärfe und der gelegentlichen grotesken Übertreibung verbirgt sich eine beständige Verletzlichkeit. Es fühlt sich an wie ein Album, das von Menschen gemacht wurde, die versuchen, ehrlich zu bleiben – in einer Kultur, die Ironie mehr belohnt als die Wahrheit. Der Humor dient nicht dazu, Gefühle abzulenken – er ist da, weil Gefühle, wenn man ihnen freien Lauf lässt, überwältigend sein können.
Als Hörerlebnis profitiert „Getting Killed“ von Engagement. Wenn man es von Anfang bis Ende auf einer Anlage abspielt, die Textur und die Rauheit der Mitten zur Geltung bringt, offenbart es seine Struktur. Man bemerkt, wie körperlich es ist – wie das Schlagzeug den Raum einnimmt, wie die Gitarren eher kratzen als schimmern, wie Stille nicht als Pause, sondern als Spannungselement eingesetzt wird. Das ist keine Hintergrundmusik. Es verlangt Präsenz, und es gibt etwas zurück, wenn man sie ihm schenkt.
Letztendlich wirkt das Album wie ein Dokument seiner Zeit – nicht im Sinne eines Generationenslogans, sondern auf eine viel intimere Art und Weise. Es fängt das Gefühl ein, zu viel nachzudenken, sich zu sehr zu sorgen und über sich selbst zu lachen, nur um nicht unterzugehen. Diese Kombination lässt sich nur schwer vortäuschen und noch schwerer über ein ganzes Album hinweg aufrechterhalten.
„Getting Killed“ will nicht sofort gemocht werden. Es will, dass man sich darauf einlässt. Und in einer Kultur, die sich zunehmend um sofortige Reaktionen dreht, wirkt schon das allein auf stille Weise trotzig.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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