Jetzt – Kim Jung-mi (1973)

Jetzt – Kim Jung-mi (1973)

Notizen zum ersten Hören

Von Rafi Mercer

Ich bin ohne Hintergrundwissen, ohne Erwartungen und ohne die Last der Geschichte an „Now“ herangegangen. Das ist wichtig, denn dieses Album erklärt sich nicht von selbst. Es beginnt nicht mit einer Aussage, sondern mit einer Stimmung.

Das Erste, was einem auffällt, ist, wie sanft alles ist. Nicht schwach – sanft. Die Lautstärke wirkt bewusst zurückhaltend, als wolle die Musik das, was sonst noch im Raum vor sich geht, nicht stören. Kim Jung-mis Stimme fügt sich in den Mix ein, anstatt ihn zu dominieren. Sie führt die Band nicht an, sondern bewegt sich mit ihr im Einklang.

Beim ersten Hören gehen die Songs ein wenig ineinander über. Das ist keine Kritik – es ist ein Merkmal des Albums. Es erinnert eher an eine Late-Night-Radiosendung als an ein Album mit „Songs“ im herkömmlichen Sinne. Man wird nicht von Titel zu Titel mitgerissen, sondern bleibt in einer einzigen emotionalen Stimmung versunken.

Musikalisch ist es ganz einfach. Akustikgitarre, leichte E-Gitarren-Einlagen, sanfter Rhythmus, gelegentlicher psychedelischer Schimmer. Nichts Auffälliges. Nichts, was auf altmodische Weise nach 1973 schreit. Wenn überhaupt, wirkt es überraschend aktuell – die Art von Platte, die man heute in einem Hörcafé leise im Hintergrund laufen hören würde.

Was mir am meisten auffiel, war weder die Melodie, noch der Text oder gar das Arrangement – es war die Zurückhaltung. Jedes Mal, wenn man das Gefühl hat, ein Song könnte sich steigern, tut er es doch nicht. Er bleibt auf dem gleichen Niveau. Das erzeugt einen seltsamen Effekt: Man hört auf, auf den „Moment“ zu warten, und lässt sich stattdessen auf den Zustand ein, den das Album erzeugt.

Kim Jung-mis Stimme ist ruhig, fast neutral, aber nicht emotionslos. Sie wirkt nachdenklich. Sie klingt eher wie jemand, der laut nachdenkt, als wie jemand, der auftritt. Es gibt keinen Versuch, zu beeindrucken, keine stimmlichen Kunststücke, kein Drama. Nur Präsenz.

Etwa auf halber Strecke wurde mir etwas Wichtiges bewusst:
Ich hatte mein Handy nicht angerührt.
Ich habe nicht nachgedacht.
Ich habe nichts übersprungen.

Das kommt selten vor.

Dies ist kein Album, das Aufmerksamkeit einfordert – es verdient sie ganz still und leise. Man hört es sich an, weil nichts einen davon abhält. Es gibt keine Aggression, keine Dringlichkeit, keine Forderung. Man fühlt sich sicher, dabei zu bleiben.

Am Ende gab es keinen einzigen Titel, den ich sofort noch einmal hören wollte – aber ich wollte das gesamte Album noch einmal hören. Das sagt genau aus, was für eine Platte das ist. Es geht nicht um Höhepunkte. Es geht um Kontinuität.

Beim ersten Hören vermittelt „Now“ den Eindruck:

  • Abendmusik
  • schlechte Lichtverhältnisse
  • sitzend, nicht stehend
  • Musik, die nicht versucht, deine Stimmung zu verändern, sondern sich ihr anpasst

Ich spüre schon jetzt, dass dies ein Album ist, das mit der Zeit an Bedeutung gewinnen wird, statt sofort zu begeistern. Ein Album, das sich eher durch wiederholtes Hören als durch einen sofortigen Eindruck entfaltet. Die Art von Album, die langsam Teil dessen wird, wie man Musik hört – und nicht nur dessen, was man hört.

Da braucht es keinen Mythos.

Einfach Zeit.


Kurze Fragen

Ist das ein Album, das beim ersten Hören für „Wow“-Momente sorgt?
Nein – und genau darum geht es. Es ist ein Album, das man immer wieder hören kann, kein Album, das schockiert.

Für welche Art des Hörens eignet es sich?
Abends, ohne Hintergrundgeräusche, bei moderater Lautstärke. Es belohnt die Stille.

Würde ich es sofort weiterempfehlen?
Ja – aber nur Leuten, die keine Musik brauchen, um ihre Leistung zu bringen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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