Als Jazz auf Hip-Hop traf

Als Jazz auf Hip-Hop traf

Von Rafi Mercer

Jazz war schon immer eine unruhige Sprache, eine Musik, die sich weigert, stillzustehen.

Entstanden in den Clubs und auf den Straßen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, entwickelte er sich vom Swing zum Bebop, vom Cool Jazz zum Modal Jazz, vom Free Jazz zur Fusion. Bei jedem Schritt nahm er Neues auf und verwandelte es. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Hip-Hop – der selbst aus Sampling, Remixing und Neuerfindung hervorgegangen war – dem Jazz die Hand reichte und ihn in seinen Bann zog.

Diese Begegnung war nicht nur ästhetischer Natur. Sie war kultureller Natur. Jazz und Hip-Hop teilen eine gemeinsame Tradition des schwarzen Ausdrucks, der Improvisation und des Widerstands. Beide sind aus Städten hervorgegangen, aus Gemeinschaften, die mit den vorhandenen Mitteln Kunst schufen. Beide waren Ausdruck von Trotz und Überlebenswillen. Bei beiden stand der Rhythmus im Mittelpunkt. Die Beziehung des Hip-Hop zum Jazz zu verstehen, bedeutet, darin ein Kontinuum zu sehen und keinen Zusammenprall.

Die ersten Hip-Hop-DJs in der Bronx suchten bereits in Plattenkisten nach Breaks in alten Funk- und Soul-Platten. Der Jazz mit seinen reichhaltigen Drum-Parts, Bläser-Einwürfen und Basslinien bot dafür einen fruchtbaren Nährboden. Die Loops von Clyde Stubblefields Schlagzeugspiel, die elektrischen Grooves von Herbie Hancock, die Bläser-Einlagen von Donald Byrd – all das wurde zum Rohmaterial. Doch erst in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren rückte der Jazz wirklich in den Mittelpunkt des Hip-Hop-Vokabulars.

A Tribe Called Quest machten es ganz deutlich. Alben wie „The Low End Theory“ und „Midnight Marauders“ übernahmen Kontrabasslinien, Rhodes-Akkorde und mit Besen gespielte Schlagzeugparts direkt von Blue-Note-Platten und bauten darauf ihre Reime auf. Sie versteckten den Jazz nicht, sondern feierten ihn. Die Beats schwangen, die Samples atmeten, und die Flows flossen wie Improvisationen. Beim Zuhören hatte man das Gefühl, einem jahrzehntübergreifenden Gespräch zu lauschen – Coltrane und Mingus flüsterten unter Phife und Q-Tip.

Guru ging noch einen Schritt weiter. Seine „Jazzmatazz“-Projekte in den 1990er Jahren beschränkten sich nicht nur darauf, Jazz-Samples zu verwenden; sie holten Jazzmusiker direkt ins Studio. Branford Marsalis am Saxophon, Donald Byrd an der Trompete, Roy Ayers am Vibraphon. Guru rappte nicht über Musikfragmente, sondern in direkter Zusammenarbeit mit den Musikern. Das Ergebnis war eine Fusion, die beiden Genres gerecht wurde und bewies, dass Jazz und Hip-Hop keine entfernten Verwandten, sondern eng miteinander verbunden waren.

Auch De La Soul leisteten ihren Beitrag. Ihr Debütalbum „3 Feet High and Rising“ war eine spielerische und einfallsreiche Klangcollage, in die Fragmente aus Jazz, Soul, Funk und sogar Spoken Word eingewoben waren. Sie bewiesen, dass Sampling ebenso surreal wie ernst sein kann und dass sich die Exzentrizitäten des Jazz in etwas Fröhliches verwandeln lassen.

An der Westküste prägte Dr. Dre unterdessen den G-Funk. Seine Beats waren stark vom Funk geprägt, doch auch der Jazz schlich sich ein – der entspannte Swing, die Bläserpassagen, die Wärme der Grooves, die sich zu etwas Filmischem ausdehnten. N.W.A. mag härter, wütender und direkter gewesen sein, doch Dres Gehör war stets von der Fülle der Jazzharmonien geprägt, die sich in die Randbereiche seiner Produktionen einschlichen.

Was den Jazz für den Hip-Hop so faszinierend machte, war nicht nur der Klang, sondern auch die Haltung. Jazz stand für Improvisation, Freiheit und Virtuosität. Beim Hip-Hop war es genauso, nur dass hier Plattenspieler und Sampler anstelle von Bläsern und Schlagzeug zum Einsatz kamen. Ein Saxophon-Solo und eine Freestyle-Strophe haben dieselbe DNA: Risiko, Timing und Erfindungsreichtum. Der Jazz brachte dem Hip-Hop bei, wie man swingt, und der Hip-Hop lehrte den Jazz, wie man im Zeitalter des Samplings am Leben bleibt.

Natürlich wurde dies nicht von allen begrüßt. Es kam zu zahlreichen Rechtsstreitigkeiten, das Urheberrecht wurde verschärft, Samples wurden teurer. Doch der Einfluss war bereits fest verankert. Von „Rebirth of Slick (Cool Like Dat)“ von Digable Planets bis hin zu Madlibs „Shades of Blue“-Projekt für Blue Note tauchte der Jazz immer wieder auf – gesampelt, zitiert, neu interpretiert. Selbst Kendrick Lamars „To Pimp a Butterfly“ – in dessen Gewebe Kamasi Washington, Thundercat und Robert Glasper eingewoben sind – ist ein direkter Erbe dieser Tradition.

Heute wirkt diese Verbindung ganz selbstverständlich. Jazzmusiker wie Makaya McCraven samplen sich selbst live, erstellen Loops und überlagern Klänge ganz im Sinne des Hip-Hop. Hip-Hop-Produzenten betrachten Coltrane und Sun Ra als offene Archive, nicht als Relikte. Die Grenze zwischen beiden Genres ist zu einem klanglichen Kontinuum verschmolzen.

Was mich am meisten beeindruckt, ist, wie diese Verbindung von Jazz und Hip-Hop das Hörerlebnis neu geprägt hat. Eine Generation von Jugendlichen, die vielleicht nie eine Blue-Note-Platte in die Hand genommen hätte, entdeckte deren Basslinien durch Tribe. Eine Generation, die Donald Byrd vielleicht nie solo gehört hätte, fand ihn in gesampelten Loops wieder. Hip-Hop wurde für Millionen zum Einstieg in den Jazz. Und in den heutigen Listening-Bars setzt sich diese Logik fort: Alben aus beiden Traditionen werden Seite an Seite gespielt, auf den Groove von Idris Muhammad folgt der Reim von Guru, der Swing von Mingus mündet in den Beat von De La Soul.

Jazz war schon immer mehr als nur ein Musikgenre. Der Hip-Hop hat bewiesen, dass er ebenfalls eine Quelle, eine Palette und ein Gesprächspartner ist. Zusammen bilden sie ein Vokabular, das sich von den 1930er Jahren bis heute erstreckt, das nach wie vor spricht, sich ständig wandelt und lebendig bleibt. Und wenn in einer ruhigen Bar die Nadel auf die Platte fällt, wenn unter gedämpftem Licht ein Sample in einer Schleife läuft, kann man hören, wie dieses Gespräch weitergeht – über Jahrzehnte hinweg, über verschiedene Formen hinweg, über die Zeit hinweg.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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