Daves „Selfish“ – Klavier, Schwerkraft und ein Raum, der atmet
Von Rafi Mercer
Ich begann den Tag mit Daves neuem Album, doch ein einziger Titel ließ mich innehalten: „Selfish“. Das gesamte Album ist stark, aber dieser Titel hat eine besondere Kraft – eine, die die Atmosphäre im Raum verändert. Was mich zuerst packte, waren weder der Text noch die Refrainmelodie. Es war das Klavier. Einfach, bedächtig, fast schon übertrieben geduldig – und es weckte in mir dieses alte Gefühl, das ich bei Pink Floyds „The Great Gig in the Sky“ habe. Nicht die berühmte Gesangsstelle, an die sich die Leute erinnern, sondern die ruhige Beharrlichkeit des Klaviers im Hintergrund, die Art, wie eine Harmonie ein ganzes Wettersystem an Ort und Stelle halten kann. „Selfish“ hat diese Art von Schwere. Es schafft die Atmosphäre und lässt die Stimme dann eher als Mitfahrer denn als Fahrer hinzukommen.
Wenn man genau hinhört, erkennt man, wie das Klavier wie Architektur eingesetzt wird. Die Akkorde kommen mit einer menschlichen Note daher, niemals metronomisch, und der Nachhall klingt gerade so lange nach, dass er Raum jenseits der Mikrofone andeutet. Dieser Raum ist Teil der Geschichte. Er ist der Unterschied zwischen einem Beat und einem Atemzug. Das Klavier verengt den Weg, erweitert ihn dann wieder und lässt schließlich eine kleine Klippe zurück, über die die Stimme hinwegschreiten kann. Es erinnert mich an die besten Momente der Mozart-Sessions von Bobby McFerrin und Chick Corea, in denen Zurückhaltung und Dialog zur Darbietung werden. Eine Phrase wird angeboten, eine Stille beantwortet, eine Rückkehr zur Mitte. „Selfish“ steht in dieser Tradition des musikalischen Dialogs, modern im Ton, aber klassisch in seiner Disziplin.
Daves Gesang ist zurückhaltend, fast schon verhalten. Er strebt nicht nach Wirkung, sondern wartet darauf. Deshalb spielt das Klavier hier eine so große Rolle. Es bildet den emotionalen Rahmen, der es dem Text ermöglicht, sich ohne Eile zu entfalten. Ich hörte auch immer wieder den Einfluss von James Blake heraus, nicht als Kopie, sondern eher als Sensibilität. Die Art, wie Blake mit Negativraum umgeht, die Entscheidung, Elemente sparsam einzusetzen, damit Nuancen Bedeutung transportieren können, die kleinen, geisterhaften Texturen, die gerade noch am Rande der Wahrnehmung liegen. „Selfish“ nutzt diese Mittel, ohne dabei verschwommen zu wirken. Es bleibt klar erkennbar, wie ein heller Raum mit einer einzigen Lichtquelle.
In diesem Stück gibt es Anklänge, die bewusst gewählt wirken. Eine leichte Gospel-Wärme in den Gesangspassagen, ein Hauch von R&B in der Kadenz, dann dieser leise Schmerz, den britische Platten manchmal in sich tragen, wenn sie das Wetter in den Mix einfließen lassen. Das Klavier ist durchgehend der Anker. Es tut das, was großartige Klavierparts ausmacht. Es hält einen Puls, der nicht streng im Takt liegt, sondern Aufmerksamkeit ist. Man kann sich darin einfinden. Man kann seinen Atem daran ausrichten. Deshalb kam mir die Erinnerung an Pink Floyd so schnell in den Sinn. „Great Gig“ erinnert daran, dass das Fundament das Gefühl sein kann, nicht nur das Raster. „Selfish“ folgt derselben Regel.
Ich habe mittlerweile diese Angewohnheit, die ich mir durch jahrelanges Zuhören in Bars und lange Nächte mit guten Anlagen angeeignet habe. Wenn sich das Klavier wie ein Raum anfühlt, drehe ich die Lautstärke zuerst herunter, nicht hoch. Wenn der Part schon bei geringer Lautstärke seine eigene Atmosphäre hat, wird er bei hoher Lautstärke aufblühen, ohne schrill zu klingen. „Selfish“ besteht diesen Test. Selbst bei einem Flüstern hört man noch den Filz, das Pedal, den Nachhall. Wenn man den Ton auf einer präzisen Anlage aufdreht, nimmt man den Klang des gesamten Instruments wahr, nicht nur die Tasten. Das ist das Zeichen dafür, dass der Track zum Hören gemacht wurde und nicht zum Überfliegen.
Was ich hier liebe, ist die Disziplin. Dave könnte die Idee ausschmücken. Er könnte Gesangsstimmen übereinanderlegen, sich dem offensichtlichen Schwung hingeben, dort Gewicht hinzufügen, wo das Klavier Raum lässt. Das tut er aber nicht. Er belässt die Schwere dort, wo sie hingehört: im Akkordmuster und in der Geduld der Darbietung. Der Song entwickelt sich wie jemand, der in Echtzeit denkt. Nicht unentschlossen, sondern einfach ehrlich in Bezug auf die Distanz zwischen Gefühl und Sprache. Es ist eine mutige Art, einen Track in einem Umfeld zu produzieren, das sofortige Wirkung belohnt. Das ist auch der Grund, warum das Stück noch nach der letzten Note nachhallt.
Alben kündigen sich an. Titel offenbaren sich. „Selfish“ ist eine Offenbarung. Es zeigt die Tiefe des Albums, ohne es zusammenzufassen. Es lässt vermuten, dass Dave auf einer Ebene arbeitet, auf der der Klang erzählerisch ist und die Stille ein Instrument darstellt. Es ist die Art von Titel, die ich früh am Abend in einer Hörbar spielen würde, nach dem ersten Drink, bevor das Gespräch ins Geschwätz übergeht, wenn der Raum wach, aber noch ruhig ist. Das Klavier würde das Tempo vorgeben. Die Stimme würde den Gedanken vermitteln. Das System würde den Rest erledigen.
Wenn du dir den Song heute anhörst, schenke ihm die Höflichkeit der Stille. Spiel „Selfish“ ab, ohne dich ablenken zu lassen. Achte darauf, wie die Harmonien die Stimmung des Stücks prägen, wie sich die Stimme den Akkorden annähert und sich dann wieder von ihnen löst, wie der letzte Ausklang dich eher in der Tür stehen lässt als auf der Straße. Manche Songs treiben dich voran. Dieser hier lässt dich stillstehen und den Boden spüren.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.