Four Tet, Zeit und seltsames Hören
Ein Tag, der sich ausdehnt und zusammenzieht
Von Rafi Mercer
Es gibt Tage, an denen sich die Zeit unbeständig anfühlt. Mal vergeht sie schnell, dann bleibt sie stehen, dann faltet sie sich in sich selbst zurück, als würde sie zurückspulen. In letzter Zeit habe ich dieses Gefühl oft – als würde sich das Tempo des Lebens gleichzeitig beschleunigen und verlangsamen und sowohl Dringlichkeit als auch Ruhe in sich tragen. „Tracks & Tales“ wächst, Menschen aus Städten, durch die ich noch nie spaziert bin, finden den Weg zu uns, und doch spüre ich auch die Last der Erinnerung, das Gefühl, dass all das schon einmal passiert ist.
Heute Morgen habe ich Four Tet aufgelegt, und plötzlich fühlte es sich an, als würde sich die Seltsamkeit der Zeit in Klängen widerspiegeln. Seine Alben sind kein Jazz, aber sie teilen den Geist der Improvisation, der darin besteht, Fragmente aufzunehmen und sie so lange voranzutreiben, bis sie ihre eigene Geometrie bilden. Beats verstreuen sich, Melodien wiederholen sich und wandeln sich, Samples laufen in Schleifen ab wie Gedanken, die ungebeten zurückkehren. Es ist nicht linear. Es ist zirkulär, elastisch, voller plötzlicher Umwege. Es erinnert mich daran, wie der Geist funktioniert, wenn er sich nicht so recht entscheiden kann, welches Tempo er beibehalten soll.
Four Tet zu hören ist wie ein Spaziergang durch eine Stadt, in der jede Ecke eine Erinnerung birgt. Die eine Straße führt einen vorwärts, die nächste versetzt einen in die Vergangenheit. Ein einzelner Titel kann sich so anfühlen, als gehöre er sowohl dem gegenwärtigen Moment als auch einer Nacht vor Jahren an – wie transparente Seiten, die übereinandergeschichtet sind. Diese Verwirrung hat etwas Tröstliches. Sie kommt dem, wie sich das Leben tatsächlich entfaltet, näher: chaotisch und ungelöst, aber voller Muster.
Jazz wird seit langem als der Klang der Überraschung beschrieben, doch Four Tet verfolgt ein ähnliches Prinzip. Er hat schon immer verstanden, dass Wiederholung nicht Stillstand, sondern Variation bedeutet. Eine einzelne, wiederholte Note wird zum Maß für die Zeit; verschiebt man sie nur geringfügig, scheint die Zeit selbst an Geschwindigkeit zu gewinnen. In diesem Sinne ist seine Musik ebenso philosophisch wie physisch. Sie fragt: Wie messen wir Momente, und was passiert, wenn wir sie verstreichen lassen?
Ich ertappe mich dabei, darüber nachzudenken, wie Listening-Bars dasselbe Paradoxon verkörpern. Ein Abend in einem dieser Räume fühlt sich zugleich endlos und flüchtig an. Stunden verschmelzen zur Dauer einer Schallplattenseite. Ein Lied von vor Jahrzehnten kann plötzlich präsenter wirken als alles Neue. Der Whisky im Glas macht den Moment schwerer, während der Klang ihn leichter macht. Die Zeit ist nicht mehr die strenge, geordnete Linie einer Uhr. Sie wird fließend, subjektiv, vom Klang geprägt.
Vielleicht ist es genau das, was mich jeden Tag wieder zur Musik zurückkehren lässt. Sie weigert sich, sich der Zeit zu beugen. Eine Platte aus dem Jahr 1968, die remastered und heute abgespielt wird, klingt nicht alt. Sie klingt präsent, lebendig, unverzichtbar. Ein Titel, der erst letzte Woche entstanden ist, kann den Puls der Erinnerung in sich tragen und dich an Nächte erinnern, die du längst vergessen geglaubt hast. Die Stücke von Four Tet, Jazzplatten, Ambient-Stücke – sie alle erinnern mich daran, dass Zeit nicht das Eine, sondern vieles ist. Sie eilt dahin, sie hält inne, sie hallt nach.
Ja, es läuft also gut. Die Seite wächst, neue Leser kommen hinzu, die Veranstaltungsorte rücken immer mehr in den Fokus. Doch hinter all dem verbirgt sich das Gefühl, dass die Zeit sich seltsam verhält – sie beschleunigt und verlangsamt sich zugleich. Vielleicht gehört der heutige Tag deshalb Four Tet – ein Soundtrack für einen Geist, der in viele Richtungen hin und her springt und dennoch irgendwie einen roten Faden findet.
Wenn du einen Tag wie diesen erlebt hast, lass dich darauf ein. Lass die Musik das Tempo bestimmen. Lass die Wiederholungen als Trost empfinden. Lass die Überraschungen als Befreiung empfinden. Ob Jazz oder nicht – die Lektion ist immer dieselbe: Das Zuhören lehrt uns, dass Zeit nicht feststeht, sondern flexibel ist. Und manchmal ist das Beste, was man tun kann, sich ihrem Fluss anzupassen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.