Freitagmorgen um 6:25 Uhr: „Crush“ von Floating Points entdeckt

Freitagmorgen um 6:25 Uhr: „Crush“ von Floating Points entdeckt

Ein etwas zusammenhangloser Freitag

Von Rafi Mercer

Es ist Freitagmorgen, 6:25 Uhr. Im Haus herrscht Stille, die Stadt ist noch halb im Schlaf, und ich bin hier – hin- und hergerissen zwischen meinem Hauptjob und „Tracks & Tales“, während mein Gehirn versucht, sich in zwei Teile zu spalten. Zu früh für Whisky, zu spät für Stille. Ich setze meine Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung auf und frage mich: Soll ich gar nichts hören, mir die Abwesenheit gönnen? Soll ich Jazz auflegen, etwas Cooles, Klassisches, Vertrautes, das mir Halt gibt? Oder soll ich nach etwas ganz anderem greifen?

Da stoße ich auf „Crush“ von Floating Points. Vielleicht lag es am Namen – mir gefiel die Vorstellung von Gleichgewicht, davon, dass sich Fragmente zu einem Ganzen fügen. Vielleicht war es auch das Gefühl, dass man bei Orientierungslosigkeit manchmal Musik braucht, die selbst ein wenig verwirrend ist. Also drücke ich auf „Play“.

Die ersten Klänge erklingen, und sie wirken nicht beruhigend, sondern verstreuen die Gedanken. Synthesizer huschen wie aufgeschreckte Vögel durch das Stereofeld, Beats stocken und setzen sich neu zusammen, Melodien schweben gerade noch außer Reichweite. Das ist keine Musik zum Entspannen. Es ist eine Art wunderschöner Durcheinander, als hätte mein eigener zerstreuter Geisteszustand einen Rhythmus erhalten. Und seltsamerweise hilft es.

„Crush“ versucht nicht, zu beruhigen. Es versucht nicht, Lösungen zu bieten. Es spiegelt das Tempo eines Geistes wider, der zu viele Dinge gleichzeitig jongliert, zieht einen durch plötzliche Schnitte und Ausbrüche und lässt einen dann in Passagen reiner Luft schweben. Es ist teils Electronica, teils klassische Architektur, teils Jazz-Phrasierung – wobei die Nähte auf die bestmögliche Weise sichtbar sind. Die Platte klingt wie eine Stadt kurz vor dem Erwachen, in der Systeme zum Leben erwachen und sich aus dem Rauschen Muster bilden.

Um 6:25 Uhr an einem Freitagmorgen ist das genau das, was ich brauche. Kein Schlaflied, kein Kirchenlied, sondern etwas, das meine unruhigen Gedanken vorantreibt, ohne so zu tun, als wären sie nicht da. Floating Points verleiht dem, was bei mir bisher nur Zersplittertes war, eine Form. Die Musik schafft aus der Ungewissheit ein Gerüst.

Das ist das Schöne daran, zur falschen Zeit zuzuhören – oder vielleicht auch zur richtigen. Man stößt auf ein Album, nicht weil es zum Moment passt, sondern weil es diesen widerspiegelt. „Crush“ ist sicher nicht für jeden das richtige Album für den Morgen. Aber heute ist es für mich perfekt – denn es klingt so, als wäre man zu früh wach, als würde man an einer Sache arbeiten, während man an etwas anderem denkt, und zusehen, wie der Tag an Fahrt gewinnt, bevor man dafür bereit ist.

Beim Musikhören geht es letztendlich nicht immer darum, dem Alltag zu entfliehen. Manchmal geht es um Anerkennung. Die richtige Platte bringt deine Gemütsverfassung nicht in Ordnung, sondern spiegelt sie dir in schärferem Fokus wider. Genau das hat „Crush“ heute Morgen für mich getan.

Da sitze ich nun, Freitag um 6:25 Uhr morgens, wach, obwohl ich das lieber nicht wäre, gefangen zwischen Stille, Jazz und allem anderen. Und da ist „Crush“, das die Luft erfüllt, unzusammenhängend, aber lebendig. Es fühlt sich wie ein Neuanfang an.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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