Lissabon hat mich heute Morgen gefunden
Wenn Erinnerung, Regen und Musik sich still miteinander verbinden
Von Rafi Mercer
Manche Tage kündigen sich nicht an – sie kommen ganz leise und wissen schon, was man braucht.
Hier regnet es schon seit Tagen. Es ist diese Art von Regen, die die Konturen verschwimmen lässt und den Morgen verlangsamt. Und ohne dass ich es wirklich gewollt hätte, schweiften meine Gedanken nach Süden – nach Lissabon. Das alte Lissabon. Hügel, Licht, verwitterter Stein, Räume, die atmen. Eine Stadt, die das Tempo versteht, ohne es jemals beim Namen zu nennen.

Ich habe an Charle gedacht. Wir haben vor Jahren bei Virgin zusammengearbeitet – sie war dort für den Einkauf portugiesischer Musik zuständig. Sie war einfach cool. Das ist sie wohl immer noch, nehme ich an. Sie war eine dieser Personen, mit denen man nicht viel reden musste, weil die Musik für einen sprach. Wenn bestimmte Platten liefen, musste man einfach nur lächeln. Da brauchte es keinen Kommentar.
Diese Erinnerung brachte einen Klang mit sich. Cesária Évora. „Sodade“ – ein Lied, das in Remixen und bei Festivalauftritten um die Welt gegangen ist, dabei aber nie an Bedeutung verloren hat. Heute ist es jedoch nicht der Remix. Es ist „Live à Paris 1993“, das leise neben mir läuft.
Und es ist einfach perfekt.
Ihre Stimme spielt nichts vor – sie ist einfach da. Voller Freude, Verbundenheit, Seele und einer ungezwungenen Ruhe, die fast schon architektonisch anmutet. Man hört Cesária nicht, um dem Alltag zu entfliehen; man hört ihr zu, um sich daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, irgendwo dazuzugehören, und sei es nur für einen kurzen Moment.
Lissabon hat diese Gabe ebenfalls. Genauso wie bestimmte Menschen.
Vielleicht schreibe ich Charle später eine Nachricht. Nur ein paar Zeilen. Musik hat die Gabe, alte Türen warm zu halten, ohne dass man sie wieder öffnen muss.
Manche Tage stehen ganz im Zeichen der Geschwindigkeit.
Heute ging es ums Zuhören.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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