Lernen Sie die Kuratoren kennen, die Europas „Listening Bars“ zu neuen Höhen führen
Die stillen Wagemutigen des Klangs
Von Rafi Mercer
Jede Branche hat ihre Draufgänger.
Im Kino ist es der Stuntman, der sich durch Glas oder Flammen stürzt, damit das Publikum an die Geschichte glaubt.
In der Welt der Hörbars sind die Draufgänger zwar zurückhaltender, aber nicht weniger unverzichtbar.
Sie sind die Auswähler, die Kuratoren, die Männer und Frauen, die jeden Abend ihren Geschmack, ihren Ruf und ihr Schweigen aufs Spiel setzen, um Momente zu schaffen, die ohne sie nicht existieren könnten.
Europas „Listening Bar“-Bewegung ist im Vergleich zu Japans jahrzehntelanger Hingabe noch jung, lernt aber schnell dazu. Von Barcelona bis Berlin, von Paris bis Lissabon treibt eine Generation von Selectors den Sound weiter voran und lotet die Grenzen dessen aus, wie sich eine Nacht anfühlen kann. Sie sind keine DJs im Sinne eines Spektakels. Sie sind Handwerker, die ihr Gehör schulen, so wie eine Stunt-Akademie den Körper trainiert. Stundenlang lernen sie, wie ein Soundsystem atmet, wie sich der Bass im Raum ausbreitet und wie Stille mehr Spannung erzeugen kann als ein Breakbeat.
Die Gefahr ist hier subtiler. In einer Listening-Bar: Spielst du im falschen Moment den falschen Titel, ist der Zauber gebrochen. Du verlierst das Publikum nicht mit einem Knall, sondern mit einem Seufzer. Spielst du zu auf Nummer sicher, rückt der Abend in den Hintergrund. Spielst du zu gewagt, verlierst du das Vertrauen. Dieser Spagat erfordert Nervenstärke. Ein DJ muss spüren, wann er anziehen muss, wann er sich zurückziehen muss und wann er die Luft stillstehen lassen muss. Sie sind Risikoträger der besonderen Art.
Barcelona ist ein guter Ort, um darüber nachzudenken. Die Stadt strahlt bereits die Energie der Darbietung aus – Architektur, die sich wie Skulpturen wölbt, Straßen, die sich in plötzliches Licht schlängeln. Nun beherbergt sie eine Reihe neuer Hörräume, in denen junge Musikauswähler ihr Handwerk erlernen. Sie probieren sich zunächst an kleineren Anlagen aus und steigen dann auf die großen Hornlautsprecher um, jene ventilantriebenen Anlagen, die jede Entscheidung offenlegen. Wie ein Stuntman, der sich von Rollen bis hin zu Feuersprüngen hocharbeitet, lernt ein Musikauswähler zunächst mit Freunden, dann mit Fremden und schließlich in Räumen, die Perfektion verlangen.
Und wenn es funktioniert, ist der Effekt geradezu filmisch. Ein im richtigen Moment ausgewählter Titel kann sich anfühlen wie ein Sprung vom Dach. Ein unerwarteter Soul-Track nach einer Reihe von Ambient-Stücken kann sich anfühlen wie eine Verfolgungsjagd, die durch die stillen Straßen tobt. Ein langes Ausklingen in die Stille kann gewagter wirken als ein Crash. Das sind Kunststücke für das Ohr, und wenn sie gut gemacht sind, versetzen sie den Körper in einen Adrenalinschub.
Die nächste Generation von Musikkuratoren prägt die Hörkultur Europas mit derselben Kühnheit, mit der auch die europäische Filmindustrie aufgebaut wurde. Sie loten Grenzen aus, greifen auf Jazz-Archive zurück, tauchen in obskuren Reggae ein und mischen ihn mit elektronischen Klängen, die eigentlich nicht zusammenpassen sollten, es aber irgendwie doch tun. Sie erinnern uns daran, dass es beim Risiko nicht nur um Gefahr geht, sondern auch um Vertrauen. Das Vertrauen darauf, dass der Saal mitgeht. Das Vertrauen darauf, dass das Publikum sich darauf einlässt.
Für „Tracks & Tales“ ist dies das Herzstück der Bewegung. Das Gefühl, dass Zuhören nicht passiv, sondern aktiv ist – eine Zusammenarbeit zwischen demjenigen, der die Musik auswählt, und den vielen, die zuhören. Der Reiz des Freitagabends liegt nicht in der Lautstärke oder im Übermaß, sondern im Wagnis. Im Wagnis, eine zerbrechliche Ballade von Terry Callier nach einem Drum-&-Bass-Track zu spielen. Im Wagnis, Stille in einen überfüllten Raum zu lassen und abzuwarten. Im Wagnis, durchzuhalten, bis die richtige Platte kommt.
Europas Filmsets mögen mit Stuntleuten neue Extreme erreichen, doch auch die Bars inszenieren jeden Abend ihre eigenen Risiken – durch den Klang. Und genau wie im Kino bemerkt man die Gefahr erst, wenn etwas schiefgeht. Wenn alles klappt, verspürt man nichts als Ehrfurcht.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.