„Oxygène“ und der Geist, der zuhört
Ein Vormittag mit Jean-Michel Jarres „Oxygène“, an dem ich erkunde, wie Erinnerung, Musik und tägliche Disziplin im wachsenden Rhythmus von „Tracks & Tales“ miteinander verwoben sind.
Von Rafi Mercer
Ich bin mir nie ganz sicher, wie mein Verstand funktioniert – nicht wirklich. Aber um „Tracks & Tales“ aufzubauen, habe ich eine kleine Disziplin gelernt, die mir Halt gibt: jeden Tag schreiben. Fünf, vielleicht zehn Artikel, jeder davon ein kurzer Moment des Zuhörens. Ich sitze da, denke über Klänge nach, erinnere mich an Alben, die mich nie losgelassen haben, und an andere, die mir entglitten sind, ohne sich zu verabschieden. Irgendwo zwischen Gewohnheit und Zufall wird aus einem Gedanken ein Faden, und aus einem Faden wird eine Geschichte.
Heute Morgen war das Thema Jean-Michel Jarres „Oxygène“.Fragt mich nicht, warum – ich bin aufgewacht und hatte es bereits im Kopf, als hätte sich eine innere Frequenz auf das Jahr 1976 eingestellt. Das ist das Seltsame am hörenden Geist. Man hat keine Kontrolle darüber. Man folgt ihm einfach.
Das Album ist etwas Besonderes – entstanden zu einer Zeit, als Synthesizer noch wie die Zukunft wirkten und eine einzige Note schon wie ein Ereignis wirken konnte. Bei „Oxygène“ geht es weniger um Melodie als vielmehr um Atmosphäre. Es ist Luft, die in Klang verwandelt wurde. Jeder Schwung und jeder Puls fühlt sich an wie Atem, der Gestalt annimmt, jede Phasenverschiebung wie ein Gedanke, der in einen anderen übergeht. Wenn ich es mir heute anhöre, wirkt es immer noch fremd und zugleich zutiefst menschlich – ein Klang, der überall und nirgendwo hingehört.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich es zum ersten Mal gehört habe. Vielleicht im Hintergrund eines Films oder im Nachtprogramm im Radio, als die Sender noch mit Stimmungen statt mit Einschaltquoten experimentierten. Oder vielleicht habe ich es zufällig gehört, als ich in einem Laden durch die Schallplatten stöberte und mir dieses vertraute Cover – die Haut der Erde, die sich zurückzieht und einen Schädel freigibt – ins Auge fiel. Wie auch immer es zu mir kam, es ist geblieben. Manche Alben haben diese Wirkung. Sie schleichen sich leise ein und bleiben auf unbestimmte Zeit.
„Oxygène“ hat etwas zutiefst Räumliches an sich. Es entfaltet sich nicht wie eine Geschichte, sondern breitet sich aus wie Luft in einem Raum. Man hört es nicht nur – man atmet es ein. Deshalb gehört es in das Vokabular der Hörbars und zur Kultur des „Slow Sound“. Jarre komponierte nicht für Tanzflächen oder Radio-Playlists; er formte Stille und ließ Textur zum Tempo werden.
Das erinnert mich daran, wie Klang die Zeit neu definieren kann. Jeden Morgen sitze ich hier und versuche, mit meinem eigenen Projekt Schritt zu halten – Seiten veröffentlichen, Veranstaltungsorte katalogisieren, Statistiken überwachen –, doch was mich wirklich antreibt, sind nicht die Zahlen. Es ist die Art und Weise, wie Musik Jahrzehnte in einem Herzschlag zusammenfallen lässt. Die Art und Weise, wie ein Klang von vor fast fünfzig Jahren sich immer noch neu, lebendig und absolut aktuell anfühlen kann.
Die Disziplin, falls es überhaupt eine gibt, besteht darin, offen zu bleiben. Den Gedanken freien Lauf zu lassen und darauf zu vertrauen, dass sie wissen, wohin sie führen. Bei fünf oder zehn Texten pro Tag geht es nicht wirklich um den Output; es geht darum, auf die Echos zu hören. Wenn ein Album wie „Oxygène“ aus dem Nichts auftaucht, habe ich gelernt, es nicht in Frage zu stellen. Das Unterbewusstsein hat einen besseren Geschmack als der Algorithmus.
Ich glaube, genau das lehrt mich „Tracks & Tales “: Beim Zuhören geht es nie nur um Musik. Es geht um Achtsamkeit – für den Moment, für Emotionen, für die innere Stimmung des Tages. In einem Moment denkt man noch über Whiskygläser nach, im nächsten ist man schon wieder im Jahr 1976, umgeben von analogen Synthesizern und Bandrauschen.
Diese Art der Zeitreise hat etwas Tröstliches. Der Geist mag zwar unberechenbar sein, aber er ist immer ehrlich. Er spielt dir genau das vor, was du brauchst – auch wenn du noch nicht weißt, warum.
Vielleicht ist das der Grund, warum „Oxygène“ gerade heute wieder aufgetaucht ist – als Erinnerung daran, zu atmen. Um den Lärm zu dämpfen. Um zu der Erkenntnis zurückzukehren, dass Zuhören im Grunde genommen Sauerstoff für die Seele ist.
Und so geht die Arbeit weiter. Die Seiten stapeln sich, die Karte wächst – 91 Länder, 1.274 Städte, Tendenz steigend – und jeder kleine Eintrag fügt sich in einen größeren Rhythmus ein. Einen Rhythmus aus Räumen, aus Menschen, aus stiller Hingabe an den Klang.
Doch bevor es soweit ist, gibt es immer einen Moment wie diesen – der Kaffee wird kalt, die Platte dreht sich in meinem Kopf, und ich frage mich, wie das alles zusammenhängt. Die Antwort liegt, wie immer, im Zuhören.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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