Terry Callier: Der Klang, der zurückkehrt
Die Stimme, die in der Luft hängt
Von Rafi Mercer
Manche Stimmen sind gar keine Stimmen, sondern Klänge, die noch lange im Gedächtnis nachklingen, nachdem die Worte schon längst verhallt sind. Gestern wurde ich von einem dieser Töne verfolgt. Ich hatte mir „The Spoils“ angehört, die EP von Massive Attack aus dem Jahr 2006, die mich seit dem ersten Hören nicht mehr losgelassen hat. Sie erinnerte mich an einen Nachtflug von Paris nach London vor Jahren, an jene Stunde, in der die Morgendämmerung noch unentschlossen ist, und das Taxi leise durch Straßen rollt, die sich wie aus einem Halbtraum anfühlen. Diese Melodie schwebte mir wieder in den Kopf und wollte einfach nicht verschwinden.
Und im Laufe des Tages ertappte ich mich dabei, wie ich darüber nachdachte: Wie würde das wohl in einer Hörbar klingen? Auf einer sorgfältig abgestimmten „Living Voice“-Anlage oder auf einem Paar maßgefertigter „Friendly Pressure“-Lautsprecher, die dafür gebaut sind, Gewicht mühelos zu tragen? Eine Anlage, bei der man den Klang nicht nur hört, sondern auch spürt. Gute Anlagen schaffen das: Sie führen einen über Melodie und Text hinaus zu etwas Älterem, Tieferem. Sie offenbaren den Körper hinter der Stimme.
Ich brauchte fast den ganzen Tag, um zu erkennen, was ich da eigentlich hörte. Es war nicht nur Massive Attack. Es war der Geist von Terry Callier. Ein Freund von mir, Alistair Watts, machte mich vor über zwanzig Jahren mit Callier bekannt. Damals war mir nicht bewusst, wie einzigartig er war. Chicagoer Soul, Folk und Jazz verschmolzen zu einer Stimme, die zugleich verwurzelt und rastlos wirkte. Man hätte ihn für einen Sänger halten können, doch in Wahrheit war er ein Geschichtenerzähler mit der Gitarre, ein Poet mit Herzschlag.
Callier hat tatsächlich 2006 gemeinsam mit Massive Attack an einer EP gearbeitet, was vielleicht die Assoziation erklärt, die mein Ohr gestern hergestellt hat. Doch sein Klangstil ist älter als all das. Denken Sie zurück an „The New Folk Sound of Terry Callier“, aufgenommen im Jahr 1968. Karg, geduldig, fast schon streng, aber erfüllt von einer Resonanz, die sich ewig anfühlt. Oder „What Color Is Love“ aus dem Jahr 1972, wo sich Soul und Jazz zu etwas Filmischem, Üppigem und Suchendem entfalten. Wenn du schon einmal in einer ruhigen Bar gesessen und eine Platte gehört hast, die dich mitten beim Trinken innehalten lässt, weißt du, was ich meine. Die Stimme füllt nicht nur den Raum, sie gestaltet ihn neu.
Das ist der Teil, der mich begeistert. „The New Folk Sound of Terry Callier“ wird diesen Oktober neu aufgelegt und remastered. Und das kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Fast so, als hätten die Verantwortlichen, die das Datum festgelegt haben, gewusst, dass die Welt diesen Klang wieder hören muss. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Notwendigkeit. Wir leben in einer lauten Zeit. Eine Stimme wie die von Callier erinnert uns daran, was Musik noch bewirken kann, wenn sie sanft und doch unnachgiebig ist.
Stellt es euch vor: eine Winternacht, eine schummrig beleuchtete Bar in Tokio oder Lissabon. Die Nadel setzt auf, und Calliers Stimme schwebt aus den Lautsprechern. Nicht lautstark, nicht angestrengt, sondern behutsam in die Luft gelegt. Der Raum verlangsamt sich. Die Zeit verlangsamt sich. Man hört die Wurzeln des Folk und die Weite des Jazz, aber mehr noch hört man Menschlichkeit – ungeschliffen, direkt. In einer Welt aus komprimiertem Klang und Wegwerf-Playlists fühlt sich dieser Klang wie eine Form des Widerstands an.
Wenn ich an die Alben denke, zu denen ich immer wieder zurückkehre, sind es selten die lautesten oder die raffiniertesten. Es sind diejenigen, die Raum um die Noten herum lassen. Calliers Alben haben diesen Raum. Man kann in sie eintauchen. Man kann dort eine Seite lang leben, vielleicht sogar länger. Auf der richtigen Anlage abgespielt klingen sie nicht nur gut, sie klingen unvermeidlich.
Und vielleicht ist das der Grund, warum mir die Verbindung zu Massive Attack gestern nicht aus dem Kopf ging. Denn ihre besten Werke bewirken genau dasselbe: Sie schaffen einen Raum, eröffnen eine Klangwelt, halten eine Stimmung aufrecht, die sich notwendig anfühlt. Als ich vor Jahren „The Spoils“ über meine Kopfhörer hörte, war es Calliers Geist, den ich hörte, auch wenn ich mir dessen damals nicht bewusst war.
Nun, da der Oktober näher rückt, warte ich. Ich warte darauf, die Nadel auf diese Remaster-Version zu setzen. Ich warte darauf, zu hören, ob der Klang geschärft, vertieft oder klarer geworden ist. Ich warte darauf, still dazusitzen, während die erste Zeile erklingt und sich die Atmosphäre im Raum verändert. Die Neuauflage ist mehr als nur eine Veröffentlichung. Sie ist eine Erinnerung daran, dass Stimmen wie die von Callier nicht an die Zeit gebunden sind, sondern an das Bedürfnis.
Und vielleicht ist das genau die Geschichte, die es heute zu erzählen gilt. Dass Musik manchmal auf den richtigen Moment wartet, um zurückzukehren. Dass ein Ton Jahrzehnte überdauern kann. Dass sich ein Lied aus dem Jahr 1968 in den Händen des richtigen DJs, im richtigen Raum und auf der richtigen Anlage wie morgen anfühlen kann.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.