Die Stadt nach Mitternacht

Die Stadt nach Mitternacht

Rahsaan Roland Kirks „The Inflated Tear“ spiegelt auf unerwartete Weise die nächtliche Stimmung von Bernard Herrmanns Filmmusik zu „Taxi Driver“ wider – eine Erinnerung daran, dass Epochen zwar vergehen, die Gefühle, die in großartiger Musik stecken, jedoch niemals verblassen.

Von Rafi Mercer

Heute Morgen tauchte ich tief in Rahsaan Roland Kirks „The Inflated Tear“ ein, und mitten im Titelsong passierte etwas Unerwartetes – der Raum verschob sich, das Licht veränderte sich, und plötzlich befand ich mich wieder in der Eröffnungssequenz von „Taxi Driver“ (1976). Nicht die Handlung, nicht die Rauheit, sondern die Atmosphäre: diese schwebenden Blechbläser, dieser sanfte, unruhige Noir-Schimmer, den Bernard Herrmann über ein schlafloses New York malte. Eine Stadt, die um 3 Uhr morgens schwer atmet.

Es ist bemerkenswert, wie Klang zwei Momente miteinander verbinden kann, die niemals dazu bestimmt waren, sich zu begegnen. Kirks Platte erschien 1968, Herrmanns Filmmusik acht Jahre später, doch im Geiste scheinen sie denselben Weg zu gehen. Eine Bläserpassage, die mehr Einsamkeit als Aggression in sich trägt. Eine Melodie, die sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern ihren eigenen Raum durchzieht. Eine Art langsam fließende Jazz-Melancholie, die von Neonlicht und Regen durchtränkt zu sein scheint.

Was mir heute besonders auffällt, ist, wie frisch diese beiden Musikstücke immer noch klingen – obwohl die Welt, die sie beschreiben, längst verschwunden ist. Das New York aus „Taxi Driver“ gibt es nicht mehr; es wurde renoviert, umgestaltet, aufpoliert und durch die hohen Preise in eine ganz andere Geschichte verwandelt. Auch die Stadt, aus der Kirk schrieb, ist verblasst – das Amerika der späten 60er Jahre mit Straßenbands, Spiritual Jazz, politischer Hitze und rastloser Kreativität. Aber die Musik? Irgendwie fühlt sich die Musik lebendiger an als die Epochen, aus denen sie hervorgegangen ist.

Herrmanns Komposition war bekanntlich seine letzte – er nahm sie nur wenige Stunden vor seinem Tod auf –, und in diesen gedämpften Trompetenklängen ist die Last eines ganzen Lebens zu hören. Kirks Spiel auf „The Inflated Tear“ wirkt ähnlich autobiografisch: zart, gezeichnet, voller Erfahrung und doch seltsam sanft. Das ist der rote Faden, der sie verbindet. Nicht der Stil. Nicht das Genre. Die Emotion. Die Bereitschaft, sich ungeschützt zu zeigen.

Es gibt eine Szene in „Taxi Driver“, in der die Kamera über die Gesichter auf dem Times Square gleitet, während die Lichter am Taxifenster verschwimmen und die Musik fast schon mitfühlend wirkt. Nicht versöhnlich – einfach nur achtsam. „The Inflated Tear“ strahlt dieselbe Achtsamkeit aus. Es ist ein Album, das den Schmerz kennt, sich ihm aber nicht beugt. Es zieht einen näher heran, anstatt einen von sich zu stoßen.

Wir leben in einer Welt, in der Bilder schnell veralten, der Klang – der richtige Klang – jedoch nicht. Ich glaube, deshalb hat mich diese Verbindung heute so stark berührt. Kirks Album hat mich nicht an den Film erinnert. Es hat mich an das Gefühl erinnert, das der Film eingefangen hat. Das Gefühl, wach zu sein, während der Rest der Welt dem Schlaf erlegen ist. Das Gefühl, allein durch eine Stadt zu streifen, die deinen Namen nicht kennt. Das Gefühl, Schönheit an Orten zu sehen, die man eigentlich übersehen sollte.

Vielleicht liegt darin der seltsame Trost des aufmerksamen Zuhörens: Man beginnt, Anklänge zwischen Dingen zu hören, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben sollten. Ein Jazz-Klassiker aus dem Jahr 1968. Eine Noir-Filmmusik aus dem Jahr 1976. Ein Morgen im Jahr 2025. Alles zusammengehalten von einer einzigen Bläserlinie, die sich weigert, zu verschwinden.

Manche Momente in der Kultur vergehen.
Die Stimmung, die sie hinterlassen, bleibt jedoch bestehen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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