Das Funk-Erwachen
Parliament und Funkadelic – Musik, die bewegt, sich wandelt und uns daran erinnert, dass Freude, Unvollkommenheit und Groove allesamt Teil des intensiven Zuhörens sind.
Von Rafi Mercer
Als ich heute aufwachte, lauschte ich nach einem anderen Klang. Nicht nach den ruhigen, geduldigen Klängen, nach denen ich morgens normalerweise greife – sondern nach etwas ganz anderem. Ich wusste nicht, wonach ich suchte, aber meine Gedanken schweiften, wie so oft, schon ab, noch bevor ich mir überhaupt einen Kaffee gekocht hatte. Da war sie – diese Erinnerung – daran, wie mich vor Jahren zwei Bands völlig in ihren Bann gezogen hatten, die meine musikalische Neugier geprägt hatten: Parliament und Funkadelic.
Es ist schon komisch, wie das Gedächtnis durch Klänge funktioniert. Man glaubt nicht, dass das Gehirn alles festhält, aber es ist alles da – die Grooves, die Rauheit, die Freude, die absolute Absurdität des Ganzen. Als ich diese Platten zum ersten Mal entdeckte, verstand ich nicht ganz, was ich da hörte. Ich wusste nur, dass es anders wirkte. George Clintons „Parliament“ war wie hörbar gewordene Science-Fiction, während „Funkadelic“ Philosophie war, getarnt als Funk. Die beiden verschmolzen auf eine Weise, die sich jeder Kategorisierung entzog – Rock, Gospel, Soul, Jazz, Psychedelia – alles prallte ungeniert aufeinander.

Wenn Miles Davis Jazz schuf, der den Horizont erweiterte, dann schuf Parliament Funk, der ihn sprengte. Es war der Klang der entfesselten Fantasie – geschmeidige Basslinien, kosmische Bläser, Stimmen, die sich wie Galaxien übereinanderlegten. Als ich mir das heute Morgen noch einmal anhörte, kam es mir vor wie eine Erinnerung an etwas, das ich vergessen hatte: Musik kann ernst und lächerlich zugleich sein. Sie kann Kunst und Chaos sein, Groove und Protest, Eleganz und Schweiß.
Ich habe „Mothership Connection“ aufgelegt, und dieser Eröffnungsmonolog hat mich immer noch zum Lächeln gebracht – diese Mischung aus Theater und Groove, die niemand sonst so ganz nachmachen konnte. Man hört das Lachen hinter dem Mikrofon, die kosmische Schelmerei. Darin liegt eine Art Freude – Musiker, die sich nicht um Regeln scheren und jeden Klang bis an seine Grenzen treiben. Funkadelics „Maggot Brain“ hingegen ist pure Emotion – der Klang der Seele, die bis zum Zerreißen gedehnt wird. Eddie Hazels Gitarrensolo bleibt eines der bewegendsten Stücke, die je aufgenommen wurden. Es spielt nicht einfach nur; es fleht an.
Als ich mir das Ganze noch einmal anhörte, fiel mir auf, wie körperlich das alles ist. Man spürt den Funk, noch bevor man ihn versteht. Die tiefen Frequenzen lassen nicht nur den Boden vibrieren – sie verändern etwas in einem. Deshalb gehören diese Platten in jede Bar, die es ernst mit dem Musikgenuss meint. Sie sind für Räume gemacht, die ihnen gewachsen sind. Gute Soundsysteme geben nicht einfach nur Parliament oder Funkadelic wieder – sie enthüllen die Architektur ihres Wahnsinns.
Ich glaube, genau das habe ich heute Morgen gesucht: nicht Perfektion, sondern Bewegung. Eine Erinnerung daran, dass Zuhören chaotisch, ekstatisch und menschlich sein kann. Dass man manchmal keinen sauberen Klang braucht – sondern einen authentischen.
Falls ihr euch noch nie in die Welt von Parliament-Funkadelic vertieft habt, kann ich euch das nur empfehlen. Beginnt mit „Mothership Connection“ oder „One Nation Under a Groove“ – Alben, die nach Freiheit pur klingen. Hört nicht auf die Klarheit, sondern auf die Absicht. Hinter all den Schichten verbirgt sich eine Band, die etwas Entscheidendes aussagt: Freude ist eine Form des Widerstands.
In der heutigen Musikwelt ist es leicht, nach Perfektion zu streben – hochauflösende Dateien, makellose Wiedergabe, minimalistische Abmischungen. Doch der Funk lehrt uns etwas anderes: Unvollkommenheit hat Kraft. Die besten Grooves sind ein wenig aus dem Takt. Die besten Klänge atmen.
Vielleicht hat mein Gehirn heute Morgen deshalb gerade danach gegriffen – als Erinnerung daran, dass Musik nicht ordentlich sein soll. Sie soll Gefühle wecken.
Während sich die Platte drehte und der Kaffee abkühlte, spürte ich wieder diesen Funken – denselben, den ich vor Jahren in einem Virgin Megastore gespürt hatte, als ich beobachtete, wie die Gesichter der Leute strahlten, wenn eine Basslinie genau den richtigen Ton traf. Vielleicht ist es genau das, wofür „Tracks & Tales“ da ist: uns daran zu erinnern, dass Musik nicht nur in ruhige Räume der Besinnung gehört, sondern auch in die chaotischen, fröhlichen und unvorhersehbaren Ecken des Lebens.
Der Funk ist nicht verschwunden. Er wartet nur darauf, dass du anders hinhörst.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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