Diejenigen, die anders zuhörten
Von Rafi Mercer
Jede Bewegung beginnt mit einer Verweigerung.
Langsamer zu werden, wenn die Welt auf Geschwindigkeit besteht.
Aufmerksamer zuzuhören, während andere schneller konsumieren.
Stille als Wert zu betrachten, während alle anderen Lärm als Währung betrachten.
Bei der Kultur der „Listening Bars“ und dem langsamen Comeback der Schallplatte geht es nicht um Nostalgie, sondern um Werte: darum, wofür wir unsere Aufmerksamkeit einsetzen und wie wir die Welt wahrnehmen wollen.
Wenn es bei „Tracks & Tales“ eine Ethik gibt, dann diese: Zuhören ist eine radikale Handlung. Und wie jede radikale Handlung gehörte sie schon immer denen, die die Dinge anders sahen. Der Jazz hatte sie. Die Aufnahmekultur hatte sie. Sogar der Einzelhandel hatte sie auf seine eigene Weise. Diejenigen, die sich den Konventionen widersetzten, die alles riskierten, um zu hören und gehört zu werden.
Mir fallen siebzehn Namen ein – nicht alle sind Musiker, nicht alle sind berühmt, aber alle sind besessen. Sie erinnern uns daran, was es bedeutet, mit Hingabe zuzuhören.
Da war Thelonious Monk, bei dem die Pausen wichtiger waren als die Noten. Er hat uns gelehrt, dass Stille keine Leere ist, sondern Rhythmus.
Da war John Coltrane, der so spielte, als sei der Klang selbst ein Gebet, und damit zeigte, dass Zuhören Transzendenz sein kann.
Da war Miles Davis, der dem Publikum den Rücken zudrehte – nicht aus Arroganz, sondern um es daran zu erinnern, dass Musik kein Spektakel, sondern Präsenz ist.
Da war Sun Ra, der behauptete, er stamme vom Saturn, und damit bewies, dass anderses Zuhören auch anderses Vorstellen bedeutet.
Da war Charles Mingus, wild und zärtlich zugleich, der forderte, dass Musik die Wahrheit vermitteln müsse, auch wenn sie wehtat.
Da war Alice Coltrane, die Harfe, Klavier und östliche Philosophie miteinander verband und lehrte, dass das Zuhören nicht nur das Ohr, sondern auch den Geist öffnen könne.
Da war Bill Evans, dessen Akkordbegleitung Raum schuf, in dem die Stille im Inneren des Akkords atmen konnte.
Da war Herbie Hancock, der ohne Umschweife Genregrenzen überschritt und uns daran erinnerte, dass Zuhören bedeutet, Grenzen zu verwerfen.
Da war Nina Simone, deren Stimme Trotz ausstrahlte und damit zeigte, dass Zuhören sowohl politisch als auch persönlich ist.
Da war Donny Hathaway, dessen Live-Aufnahmen uns gelehrt haben, dass die Atmosphäre – der Raum, das Publikum, die Stimmung – genauso wichtig ist wie die Noten.
Da war J Dilla, der über einem MPC gebeugt saß und bewies, dass Unvollkommenheit – ein Beat, der leicht aus dem Takt gerät – menschlicher wirken kann als digitale Präzision.
Da war Brian Eno, der erklärte, Ambient-Musik müsse ebenso ignorierbar wie interessant sein, und damit neu definierte, wie Klang den Raum ausfüllt.
Da war David Mancuso, dessen „Loft“-Partys in New York das Auflegen von Schallplatten zu einem Ritual machten und damit den Grundstein für Musikgemeinschaften legten, lange bevor die Bars diesen Trend aufgriffen.
Da war Maryanne Amacher, die Avantgarde-Komponistin, die einem mit Phantomtönen das Ohr klingeln ließ und lehrte, dass Zuhören etwas Körperliches, Verkörpertes ist.
Da war Glenn Gould, der die Bühne verließ, um im Studio zu leben, und damit bewies, dass Intimität auch ohne großes Spektakel entstehen kann.
Da war George Martin, der bewies, dass Klangtreue Architektur ist, und das Studio in ein Instrument verwandelte.
Und da war dieser namenlose Kissa-Meister in Tokio, der in einem dunklen Raum die Nadel auflegte und uns daran erinnerte, dass Zuhören keine Darbietung, sondern Hingabe ist.
Siebzehn Zahlen. Siebzehn Ablehnungen. Siebzehn Mahnungen daran, dass anderses Zuhören schon immer ein Akt des Mutes, der Fantasie oder der Besessenheit war.
Aus ihnen ergeben sich unsere Werte.
Dass Stille Luxus ist.
Dass Zuhören Präsenz bedeutet.
Dass Klang Gewicht hat.
Dass Musik Architektur ist, kein Schmuck.
Dass Rituale wichtig sind.
Dass der Raum Teil der Aufnahme ist.
Dass die Zukunft nicht nur der Geschwindigkeit, sondern auch der Pause gehört.
Wenn man in einer „Listening Bar“ sitzt, reiht man sich in diese Tradition ein.
Du hörst nicht einfach nur eine Schallplatte; du bist Teil einer Tradition des Widerstands und der Hingabe.
Du spiegelst Monks Schweigen wider, Coltranes Gebet, Davis’ Abwendung, Mingus’ Wut, Simones Trotz, Hathaways Atmosphäre, Mancusos Ritual.
Du schließt dich – wenn auch nur in geringem Maße – denen an, die anders zugehört haben.
Und genau deshalb gibt es „Tracks & Tales“. Nicht, um Nostalgie zu verkaufen, nicht, um Trends hinterherzulaufen, sondern um einer Lebensweise Raum zu geben, die Lärm ablehnt, auf Tiefe setzt und sich dafür entscheidet, zuzuhören.
Karten, Reiseführer, Essays, Rezensionen – sie alle sind Teil derselben Ethik.
Sie erinnern uns daran, dass Zuhören nicht im Hintergrund, sondern im Vordergrund steht, nicht Konsum, sondern Kultur ist. Sie sind eine Einladung, einen Gang herunterzuschalten, dem Raum zu lauschen und sich einer Tradition anzuschließen, die schon immer den Radikalen gehörte.
Diejenigen, die anders zuhörten, haben die Musik verändert. Sie haben auch unsere Lebensweise verändert.
Die Aufgabe ist nun ganz einfach: Weiterhin auf ihre Art zuhören.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.