Der Rhythmus des Regens, der Puls der Züge
Die Welt anders hören
Von Rafi Mercer
Heute regnet es, und dieses Geräusch fesselt mich. Nicht die Stille des Regens, sondern sein Rhythmus. Tropfen auf Glas, das Prasseln auf dem Pflaster, das gleichmäßige Plätschern auf Schieferdächern. Wenn man lange genug still sitzt, merkt man, dass es gar nicht zufällig ist – darin steckt ein Takt. Eine langsame Percussion, die die Stadt schon seit jeher spielt.
Ich habe die Welt schon immer so wahrgenommen. In der Schule am Stadtrand von London, als Kind mit Legasthenie, das in Büchern gefangen war, die mich scheinbar ausschlossen, habe ich schon früh gelernt, dass ich dazu bestimmt war, mehr zu hören, als ich lesen konnte.
Das Reisen hatte einen Klang, die Bewegung einen Rhythmus. Ein U-Bahn-Zug war nicht nur ein Wagen, der Menschen beförderte, sondern Musik:„Ching-a, ching-a, ching-a“, wenn die Räder auf die Schienenstöße trafen, das tiefe Grollen darunter wie eine Bassdrum, das schrille Quietschen der Bremsen wie Blechblasinstrumente in Not.
So habe ich die Welt erfasst – in Klängen, nicht in Worten.
Vielleicht gibt es „Tracks & Tales“ ja gerade deshalb überhaupt. Es ist meine Art zu schreiben, auch wenn ich jahrelang nie gedacht hätte, dass ich das jemals tun würde. Beim Schreiben geht es mir nach wie vor darum, zuzuhören. Darum, den Klängen, die ich in mir trage – Regen, Züge, Gespräche, Musik –, eine Form zu geben.
Jeder Text, den ich hier schreibe, ist eine Möglichkeit, das zu verarbeiten, was meine Ohren bereits wussten.
Der Jazz hat mir eine Sprache dafür gegeben.
Als Einkäufer für Virgin Megastores streifte ich durch Londons West End auf der Suche nach Klang. Jazzclubs, in denen die Trompete den Zigarettenrauch durchdrang, Plattenläden mit japanischen Pressungen, die nach einem anderen Leben rochen, Abende, an denen ein Akkordwechsel oder ein Drum-Break den ganzen Raum zu verändern schien.
Jazz war nie von der Außenwelt getrennt. Es war derselbe Rhythmus, den ich schon als Junge gehört hatte – die Stadt als Percussion, das Leben als Improvisation.
Und dann gab es noch Tanzmusik.
Je länger ich zuhörte, desto deutlicher nahm ich wahr, wie sehr seine Wurzeln mit Jazz und Soul verflochten waren. Wiederholungen, Improvisation, Call-and-Response – House und Techno trugen diese Elemente in sich, nur dass sie statt von Bläsern von Maschinen untermalt wurden.
Auch die klassische Musik hinterließ ihre Spuren, wenn auch auf zurückhaltende Weise: Struktur, Spannung, Auflösung.
Vielleicht ist das der Grund, warum ein Four-Tet-Stück, wenn man genau hinhört, Bach ebenso nahekommen kann wie Coltrane.
Heute, während der Regen gegen die Fenster prasselt, höre ich überall diesen Rhythmus. Die Tropfen auf der Fensterbank spielen ein synkopiertes Muster, die Regenrinnen sorgen für einen gleichmäßigen Ton, und die Straße draußen steuert ihre eigene Percussion aus Schritten und Reifengeräuschen bei.
Schließt man die Augen, könnte es sich um eine minimalistische Platte, ein Experiment von Steve Reich oder einen Ambient-Track handeln, der in einer Bar in Tokio aufgelegt wird.
Das ist es, was mich hier hält, was mich zum Schreiben antreibt.
Die Welt ist niemals still.
Es strotzt nur so vor Rhythmus, Struktur und Klang.
Wir müssen uns nur darauf einlassen.
Manchmal stammt es von einer Schallplatte.
Manchmal wegen des Regens.
Manchmal aus einem Zug heraus, der dich durch die Dunkelheit unter London trägt und dich daran erinnert, dass das Leben selbst einen Rhythmus hat.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.