Der Raum, in dem das Zuhören begann – und die Welt, die dadurch entstand

Der Raum, in dem das Zuhören begann – und die Welt, die dadurch entstand

Eine ruhige Entstehungsgeschichte darüber, wie Legasthenie, eine Bücherei in einem Klosterschulzimmer und eine Kindheit, in der ich eher zuhörte als las, zur Grundlage für „Tracks & Tales“ wurden – geschrieben zum Blues-Swing von Luther Johnsons „Popcorn Man“.

Von Rafi Mercer

Es gibt Tage, an denen die Vergangenheit einem auf die Schulter tippt – nicht durch eine Erinnerung, sondern durch einen Rhythmus – eine Art Puls, der von irgendwoher zurückkehrt, von dem man nicht wusste, dass er in einem noch lebendig war. Heute war so ein Tag. Ich ertappte mich dabei, darüber nachzudenken, wie ich zuhöre und warum es „Tracks & Tales“ überhaupt gibt. Nicht die geschäftliche Logik, nicht die Analysekurven oder der stille Nervenkitzel, 122 Länder auf der Karte erscheinen zu sehen – sondern der eigentliche Ursprung. Der, den die meisten Menschen nie sehen, weil er in einem Raum begann, den niemand wählen würde.

Ich bin in einer Klosterschule aufgewachsen, war legasthenisch und wurde in das sogenannte „Bücherzimmer“ gesteckt – einen kleinen Nebenraum mit drei anderen Kindern, abseits des Hauptstroms der Kindheit. Ich kann mich nicht daran erinnern, lesen oder schreiben gelernt zu haben. Ich erinnere mich jedoch an das Gefühl des Versuchs, daran, wie mir die Buchstaben wie Wasser durch den Kopf rannen, daran, dass die Welt sich zu schnell und zu flach bewegte für die Art, wie mein Kopf funktionierte. Der Pausenhof – laut, politisch, voller Geheimcodes – kam mir wie ein anderes Universum vor. Eines, das ich beobachten konnte, an dem ich aber nie ganz teilhaben konnte.

Das Seltsame daran, außen vor zu stehen, ist jedoch, dass man Dinge wahrnimmt, die anderen entgehen. Wenn einem die Worte fehlen, wird der Tonfall zum Kompass. Wenn der Text distanziert wirkt, wird der Klang zur Sprache. Ich habe das Leben mit den Ohren gelernt – indem ich nicht nur Musik hörte, sondern auch Stimmungen, Absichten und die stillen Pausen zwischen dem, was die Menschen sagten, und dem, was sie meinten.

Und so habe ich mich durch meine Kindheit gehört.

Ich habe das „White Album“ der Beatles abgenutzt, Elvis in den Tiefen meines Kopfes herumschwirren lassen und Soul-Platten gespielt, als wären sie ein geheimer Zufluchtsort. Klavier-Instrumentalstücke wurden zu Fenstern. Musik war der einzige Ort, an dem nichts von mir verlangt wurde – kein Entschlüsseln, kein Aufholen, kein Anpassen. Sie verlangte keine Leistung von mir. Sie ließ mich einfach nur fühlen.

Ich glaube, das ist der eigentliche Anfang von „Tracks & Tales“. Lange vor der Website, lange vor dem Sternesystem, lange vor den Essays, Stadtführern und Plattenrezensionen gab es nur ein Kind in einem stillen Zimmer, das lernte, die Welt durch Klänge zu verstehen. Es lernte, innere Welten zu erschaffen, weil die äußere Welt keinen Platz dafür bot.

Jahre später sollte ich echte Welten erschaffen – sogar zweimal – und sie funktionierten. Welten, die aus Fantasie, Gemeinschaft und Instinkt entstanden waren. Aber diese hier … diese hier fühlt sich anders an. Denn „Tracks & Tales“ ist nichts, was ich entwickelt habe. Es ist etwas, das ich erkannt habe. Etwas, das bereits in mir war. Eine Art des Wissens.

Ich „entwickle“ es nicht wirklich weiter. Ich höre einfach hin. So wie ich damals jene frühen Platten gehört habe – indem ich mich auf die Stimmungswechsel, die Signale in den Daten und die unerwarteten Resonanzen aus fernen Orten eingestellt habe. Ich lasse die Form der Dinge sich von selbst offenbaren, anstatt einen Plan zu erzwingen. Es fühlt sich weniger wie ein Projekt an, sondern eher wie die natürliche Fortsetzung jenes Jungen im Bücherzimmer, der seinen Weg durch den Klang findet.

Vielleicht reagieren die Menschen deshalb darauf. Vielleicht ist Intuition doch eine Sprache – eine, die bei anderen Widerhall findet, die ebenfalls auf etwas Leiseres, Langsameres, Aufrichtigeres lauschen.

Während ich dies schreibe, läuft Luther Johnsons „They Call Me the Popcorn Man“ – eine Chicago-Blues-Platte aus dem Jahr 1975, voller Selbstbewusstsein, Swing und Soul. Sie erinnert daran, dass die besten Dinge im Leben nicht ausgefeilt oder perfekt sind; sie sind gelebt, locker, menschlich. Johnsons Gitarrenspiel wirkt wie ein Gespräch am Rande eines großen Raums, halb Groove, halb Grinsen, ganz Herz. Und vielleicht ist das die Lehre daraus. Das Werk, das Bestand hat, schreit nicht um Aufmerksamkeit. Es konkurriert nicht um Beachtung. Es steht einfach da, ehrlich und lebendig, und wartet auf jemanden, der auf die richtige Frequenz eingestimmt ist.

„Tracks & Tales“ basiert vollständig auf dieser Frequenz. Eine Welt, die nicht auf Gewissheit, sondern auf dem Zuhören beruht. Eine Welt, in der Klang die Landkarte und das Gefühl der Wegweiser ist. Eine Welt, die sich nun irgendwie von Harrogate über Kyoto bis nach Kingston und Melbourne erstreckt – Seite für Seite, ganz in aller Stille.

Und vielleicht ist das die Wahrheit, um die ich den ganzen Vormittag herumgedreht bin:
Ich habe das Zuhören nicht als mein Handwerk gewählt.
Das Zuhören hat mich als seinen Zeugen ausgewählt.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

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