Der Klang des Aufbruchs

Der Klang des Aufbruchs

Von Rafi Mercer

Es ist 5:11 Uhr morgens, und ich bin am Flughafen – Marokko liegt vor mir, Kaffee in der Hand, halb wach, halb im Traum. Der Ort summt in seinem eigenen seltsamen Rhythmus. Nicht gerade Musik, aber etwas Ähnliches. Das Geräusch rollender Koffer, das Piepen der Gepäckwagen, das leise Scharren von Schuhen auf dem polierten Boden. Es ist ein Rhythmus der Vorfreude – anhalten, losgehen, warten, atmen, weitergehen.

Flughäfen haben mich schon immer fasziniert. Sie sind Tempel des Übergangs, voller Menschen, die vorübergehend losgelöst sind. Niemand gehört so richtig dazu; jeder befindet sich zwischen zwei Welten. Und gerade deshalb wirkt hier alles intensiver – die Gerüche sind schärfer, die Lichter ein wenig zu hell, die Luft voller Müdigkeit und Möglichkeiten zugleich. Man spürt es im Tonfall der Durchsagen, in der leichten Anspannung der Stimmen an den Gates, im Zischen der Espressomaschinen. Die komplexeste Rhythmusgruppe der Welt.

Zu dieser Stunde wird Klang zur Zeit. Die frühen Flüge verlaufen langsamer, die Stimmen werden leiser, der Raum wirkt weiter. Ich versinke hier immer wieder in eine Art meditatives Zuhören – eine Gewohnheit, die ich schon seit Jahren pflege. Die Pausen sind genauso wichtig wie die Geräusche. Zwischen dem Husten, dem Geplapper und dem Klacken der Absätze herrscht eine Stille, die mehr Gewicht hat als jede Playlist. Ich ertappe mich dabei, mir vorzustellen, wie dieser Ort über Lautsprecher klingen würde – lauter Betonhall und das Brummen der Klimaanlagen, vielleicht eine Basslinie, die aus dem leisen Rumpeln der Gepäckwagen entsteht.

Das erinnert mich daran, dass Rhythmus nicht auf Musik beschränkt ist; er ist überall. Auf Reisen, beim Warten, in der Zeit vor der Abreise. Der Flughafen im Morgengrauen ist ein lebendiges Metronom – schnell und langsam zugleich. Man spürt den BPM der menschlichen Bewegungen: Anspannung, Entspannung, Bewegung, Pause. Es ist eigentlich Jazz – organisiertes Chaos.

Darin liegt eine gewisse Schönheit, wenn man bereit ist, sie wahrzunehmen. Das Reisen steckt voller verborgener Kompositionen. Der Unterschied zwischen dem Summen in Gatwick und der Stille in Marrakesch bei Nacht. Das Zischen der Reifen auf dem Asphalt der Start- und Landebahn. Der Moment, in dem die Triebwerke anspringen und die gesamte Kabine zu einem einzigen, lang anhaltenden Ton verschmilzt. Das sind Symphonien des modernen Lebens – Fragmente, die die meisten Menschen ausblenden, aber ich habe gelernt, ihnen zuzuhören. Auch sie erzählen Geschichten.

Ich denke oft darüber nach, wie Geräusche unsere Gefühle beeinflussen, noch bevor wir es überhaupt merken. Die nervöse Aufregung vor dem Einsteigen. Die ruhige Erleichterung, wenn das Flugzeug in den Horizontalflug übergeht. Das Gefühl von Entfernung, das durch den Druck in den Ohren greifbar wird. All das ist sensorische Architektur – die Gestaltung von Bewegung. Und genau deshalb wird mir das Reisen nie langweilig werden. Jede Reise hat ihr eigenes Sounddesign; jedes Reiseziel verändert die Art und Weise, wie man zuhört.

Da sitze ich nun, um 5:11 Uhr morgens, irgendwo zwischen Erschöpfung und Neugier. Der Tag hat noch nicht richtig begonnen, aber die Welt ist bereits erwacht. Marokko wird seinen ganz eigenen Charakter haben – Gewürze, Sand, Gebete, Rhythmus –, doch im Moment befinde ich mich in diesem Übergangsraum, in dem sich alles noch im Werden befindet. Flughäfen sind für mich wie die Stille, bevor der erste Titel beginnt. Voller Möglichkeiten, aber noch ohne Melodie.

Vielleicht liegt darin der wahre Reiz des Reisens in jungen Jahren: Es lehrt einen Geduld. Man kann den Rhythmus nicht beschleunigen. Man kann sich nur darauf einstellen, auf den ersten Schlag warten und darauf vertrauen, dass der nächste Takt kommt, wenn er bereit ist.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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