Titel fünf von zehn

Titel fünf von zehn

Radiohead haben einen leeren Raum genau in die Mitte von „Kid A“ gesetzt und ihn dort belassen

Von Rafi Mercer

Zunächst einmal passiert gar nichts. Von irgendwo hinter den Lautsprechern ertönt ein Ton, tief und gemächlich, und für ein paar Sekunden lässt sich kaum sagen, ob er von der Schallplatte oder vom Gebäude kommt.

Kein Schlagzeug. Kein Bass. Kein Gesang. Es ist Ed O’Briens Gitarre, so stark verfremdet, dass der Begriff „Gitarre“ seine Bedeutung verliert, und sie steht im Mittelpunkt von „Kid A“ – Track fünf von zehn, drei Minuten und zweiundvierzig Sekunden lang, mit dem Titel „Treefingers“.

Radiohead veröffentlichten dieses Album im Oktober 2000, im Anschluss an das meistgelobte Rockalbum der Neunzigerjahre. Keine Singles. Kaum Presseberichterstattung. Ein Album, das größtenteils auf Instrumenten entstand, die die Band nicht spielen konnte – nach dem Prinzip, dass Unwissenheit ein Weg ist, um an einen Ort zu gelangen, den man nicht hätte planen können. Die Hälfte davon ist überhaupt keine Rockmusik.

Und genau in der Mitte davon, ganz bewusst, ein Raum, in dem sich nichts befindet.

Das ist das Besondere an „Kid A“. Man erinnert sich an es als ein kaltes Album, und diese Kälte ist durchaus real, doch sie ist eher struktureller als emotionaler Natur – ein Album über das Auseinanderbrechen, das mit größter Sorgfalt zusammengestellt wurde. Diese Sorgfalt hört man am deutlichsten dort, wo am wenigsten passiert.

Kaum jemand spielt Titel fünf absichtlich ab. Es gibt keine Melodie, die man aus dem Raum mitnehmen könnte, nichts, das man mitsingen könnte. Es sind drei Minuten, in denen eine Band beschließt, dass das Album irgendwo enden muss.

Auch nach 26 Jahren ist dies der Teil, der am wenigsten in die Jahre gekommen ist.

Fang damit an. Lass es laufen, bevor irgendetwas anderes passiert.


Warum gibt es auf „Kid A“ in der Mitte ein Ambient-Instrumentalstück?

Weil das Album eine Atempause brauchte. „Treefingers“ ist der einzige Titel ohne Schlagzeug, Bass oder Gesang und steht fast genau in der Mitte des Albums – eine bewusste Pause zwischen den beiden dichtesten Hälften der Platte.

Ist „Kid A“ ein gutes Album zum intensiven Hören?

Ja, aber nur als Ganzes. Für sich genommen sind die Titel schwierig, und der Ruf, kalt zu wirken, hält sich hartnäckig. Spielt man das Album jedoch von Anfang bis Ende durch, übernimmt die Struktur die Führung, und der Mittelteil der Platte wird zum Kernstück statt zu einer Lücke.

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