Wo die Nadel zum ersten Mal auflegte – Soho’s Plattenläden
Von Rafi Mercer
Bevor es Streaming-Playlists und Empfehlungssysteme gab, gab es in London eine Straße, in der Musik von Hand zu Hand weitergereicht wurde.
Berwick Street.
Wer verstehen wollte, was in den frühen 1990er Jahren in der House-Musik, im Hip-Hop, im Soul oder im Jazz vor sich ging, öffnete keine App. Man schlenderte durch Soho und lauschte dem, was an diesem Nachmittag in den Läden aus den Lautsprechern dröhnte. Wöchentlich trafen Platten aus New York, Detroit, Chicago und Kingston ein. DJs, Sammler und neugierige Zuhörer schlenderten gemächlich von Laden zu Laden, wobei jeder Laden seinen ganz eigenen Rhythmus hatte.

Die einen tendierten zu Importplatten und Tanzmusik. Andere tauchten tief in die Welt des Reggae, Soul oder Jazz ein. Doch gemeinsam bildeten sie eine Art analoges Netzwerk – eines, das still und leise die Hörgewohnheiten einer ganzen Generation prägte.
Man könnte bei Black Market Records beginnen, wo House-Importe fast so schnell eintrafen, wie die Clubs sie auflegen konnten. Ein paar Häuser weiter befand sich Reckless Records, ein Laden, in dem sich zwischen abgenutzten Plattenhüllen unerwartet Second-Hand-Schätze finden ließen.
Weiter ging es dann mit dem kulturellen Sog von Soul Jazz Records, der die Zuhörer in tiefere musikalische Gewässer zog – Reggae, Latin Jazz, Rare Soul und jene Platten, die die Vorstellung davon, woher Rhythmus eigentlich stammt, grundlegend veränderten.
Und dann gab es noch die Läden, die man fast zufällig entdeckte: Kellerräume, schmale Treppen, Theken, an denen jemand hinter den Plattentellern leise eine neue 12-Zoll-Platte auflegte und der ganze Raum plötzlich stillstand.
Rückblickend war Soho nicht einfach nur ein Ort, an dem man Schallplatten kaufen konnte. Es war der Ort, an dem London das Zuhören gelernt hat.
Zwanzig Plattenläden in Soho aus jener Zeit
- Black Market Records
- Reckless Records
- Soul Jazz Records
- Sister Ray
- Klänge des Universums
- Release: The Groove
- Vinyl-Fans
- Selectadisc
- Cheapo Cheapo Records
- Mr Bongo Records
- Phonica Records
- On The Beat Records
- Musik- und Video-Tauschbörse
- Deal Real Records
- Dub-Anbieter
- Ambient Soho
- Rat Records
- Flashback Records
- Rough Trade Covent Garden
- Quaff Records
Zusammen bildeten sie etwas, das über ein reines Einkaufsviertel hinausging.
Es handelte sich um einen analogen Algorithmus.
Wenn eine Platte gut genug war, machte sie schnell die Runde durch die Läden. Jemand spielte sie hinter der Theke ab. Ein DJ kaufte sich drei Exemplare. Ein anderer Hörer fragte, was da gerade lief. Am Ende der Woche hallte sie vielleicht schon in einem Club auf der anderen Seite der Stadt wider.
So breitete sich der Rhythmus in London aus.
Nicht über Daten.
Durch Menschen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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