Du sollst gar nicht so genau zuhören
Von Rafi Mercer
Diese Woche wäre Miles Davis 100 Jahre alt geworden.
Und je älter ich werde, desto mehr wird mir bewusst, dass Miles nicht einfach nur Musik gemacht hat. Er hat die Aufmerksamkeit verteidigt.
Ich habe mir heute ein Bild angesehen, auf dem er den „Tracks & Tales“-Reiseführer in der Hand hält. Sein Gesichtsausdruck wirkte nicht gerade feierlich. Er lächelte nicht. Wenn überhaupt, sah er eher leicht besorgt aus. Fast schon misstrauisch. Als hätte er etwas Wichtiges über die Welt verstanden, in der wir heute leben.
Denn der Versuch, heute wirklich zuzuhören, fühlt sich seltsam rebellisch an.
Alles um uns herum ist darauf ausgelegt, unsere Konzentration zu stören.
Benachrichtigungen. Kurzvideos. Lärm, der als Verbindung getarnt ist.
Selbst Musik ist für viele Menschen zu etwas geworden, das sie konsumieren, während sie fünf andere Dinge gleichzeitig tun.
Doch Miles hat nie Musik als Hintergrundmusik komponiert.
Er hat Alben aufgenommen, die deine volle Aufmerksamkeit verlangten.
Man hört es auf „Kind of Blue“.
Man hört es auf „In A Silent Way“.
Man hört es in den Pausen zwischen den Noten, wo Geduld zum Teil der Komposition selbst wird.
Und vielleicht hat mich das Bild deshalb stärker bewegt, als ich erwartet hatte. Plötzlich kam es mir wie ein Symbol für etwas Größeres vor.
Fast so, als würde Miles dieses kleine, moderne Objekt – diesen weltweiten Leitfaden zum Musikhören – in der Hand halten und leise fragen:
„Sind die Menschen endlich wieder bereit, aufmerksam zu sein?“
Denn hinter all den Stadtführern, Veranstaltungsorten, Platten und Essays geht es bei „Tracks & Tales“ eigentlich schon immer genau darum.
Erlaubnis.
Die Erlaubnis, einen Gang herunterzuschalten.
Die Erlaubnis, sich wieder für Klang zu interessieren.
Die Erlaubnis, sich ganz der Musik hinzugeben, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen.
Das Seltsame daran ist, dass einem die Welt oft das Gefühl vermittelt, man solle das eigentlich gar nicht mehr tun. Als ob tiefe Aufmerksamkeit irgendwie ineffizient wäre. Als ob Stille ausgefüllt werden müsste. Als ob man der Stille entfliehen sollte.
Doch alles, was im Leben wirklich zählt, scheint genau das Gegenteil zu erfordern.
Miles hatte das schon lange vor den meisten anderen begriffen.
Und vielleicht ist das der Grund, warum sich seine Musik auch heute noch futuristisch anfühlt.
Nicht, weil sie modern klingt.
Sondern weil sie die Menschen von heute dazu auffordert, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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