33giri – Roms sich wiederholendes Ritual

33giri – Roms sich wiederholendes Ritual

Von Rafi Mercer

Neues Angebot

Name des Veranstaltungsortes: 33giri
Adresse: Via del Falco 37–38, Rom 00193, Italien.
Website: @33girirom
Instagram: @33girirom

Die Nächte in Rom haben ihren ganz eigenen Rhythmus – langsamer, lockerer, wärmer – ein Tempo, bei dem sich Gespräche in die Länge ziehen und die Luft selbst eine Melodie zu tragen scheint. Das 33giri versteht diesen Instinkt besser als die meisten anderen. Versteckt in der gepflasterten Ruhe des Borgo Pio, direkt hinter den Mauern des Vatikans, ist es teils Weinbar, teils Küche, teils Hörraum – ein Ort, der wie eine perfekt ausbalancierte Schallplatte vor sich hin summt.

Der Name sagt schon alles: 33 giri, dreiunddreißig Umdrehungen pro Minute – die Geschwindigkeit einer Langspielplatte. Das ist hier der Herzschlag. Im Inneren erstrahlt der Raum in ockerfarbenem Licht vor terrakottafarbenen Wänden; mit Schallplatten beladene Holzregale rahmen die Bar ein. Ein Paar Plattenspieler steht auf einer Steintheke neben einem offenen Regal mit Röhren und Reglern. Der Klang ist intim und greifbar – tiefe Töne, die sich anhören, als wären sie aus Walnussholz geschnitzt, und hohe Töne, die wie Glas schimmern.

Musik steht an erster Stelle. In der Bar legen abwechselnd ausgewählte DJs und Plattensammler Vinyl auf – Soul, brasilianische Musik, italienischer Jazz, Funk, Deep Disco. An manchen Abenden wechselt die Playlist zu filmischen Morricone-Soundtracks; an anderen Abenden hört man Sade, Ryuichi Sakamoto oder ein wenig Fela. Jede Platte wird mit einer bestimmten erzählerischen Absicht ausgewählt. Der Raum ist so klein, dass man jede Veränderung im Klang spürt: den Moment, in dem die Nadel auflegt, die Veränderung in den Gesprächen, die Art und Weise, wie ein Groove die Atmosphäre verändern kann.

Die Stereoanlage ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen lokalen Audiophilen und Handwerkern – handrestaurierte Technics SL-1200MK2-Plattenspieler, die über einen McIntosh C52-Vorverstärker und ein Paar Klipsch Heritage La Scala-Lautsprecher betrieben werden. Bei allem steht Präzision vor Lautstärke. Die Techniker haben sogar die Akustik der Decke mit Naturkorkplatten angepasst, um Reflexionen zu dämpfen – eine römische Interpretation des japanischen Kissa-Ideals.

Wein spielt eine ebenso wichtige Rolle. Der Weinkeller führt kleine Bio-Produzenten aus Latium, dem Piemont und Sizilien: vulkanische Weißweine, tanninarme Rotweine, Orange-Weine, die wie ein Sonnenuntergang leuchten. Das Personal schenkt mit Sorgfalt ein und spricht über Textur – wie ein bestimmter Montepulciano im Einklang mit einem Nina-Simone-Stück mitschwingt oder wie ein gekühlter Frappato den Rhythmus einer langsam vor sich hin schwelgenden Marvin-Gaye-Platte ergänzt. Man beginnt zu begreifen, dass hier nicht Essen und Wein miteinander kombiniert werden, sondern Geschmack und Klang.

Die Speisekarte ist römische Einfachheit neu interpretiert: Gerichte im Cicchetti-Stil, Käse aus der Region, in Olivenöl gebratene Artischocken, Sardellen mit Zitrone und Fenchel. Jedes Gericht wirkt so, als sei es darauf ausgelegt, das Gespräch zu begleiten – zart, durchdacht und zeitlich perfekt auf die einzelnen Titel eines Albums abgestimmt. Der Küchenchef Lorenzo Pini beschrieb seine Arbeit einmal als „Essen, das zuhört“. Das merkt man.

Bei Einbruch der Dämmerung verändert sich das Publikum. Die frühen Gäste machen Platz für Zuhörer: Musiker, Designer, Paare, Einheimische, die das Chaos von Trastevere gegen etwas Gemächlicheres eingetauscht haben. Gläser klirren leise im Takt der Basslinie. Die Beleuchtung wird noch etwas gedämpfter. Draußen spürt man die Schwere Roms – die Denkmäler, den Verkehr, das Summen der Motorroller –, doch hier drinnen verlangsamt sich das Tempo auf dreiunddreißig Umdrehungen pro Minute.

Freitags veranstaltet die Bar ihre „Serate in Vinile“ – thematische Hörabende, die sich um eine bestimmte Stimmung oder einen bestimmten Künstler drehen. In der einen Woche steht vielleicht japanischer Ambient im Mittelpunkt, in der nächsten neapolitanischer Funk. Es gibt keine Bühne, kein Scheinwerferlicht, nur das gemeinsame Zuhören. Die Plattenspieler werden zu Instrumenten, die DJs zu Geschichtenerzählern. Es ist die Art von Abend, in der sich Rafi Mercer verlieren würde – mit einem Glas naturbelassenem Rotwein in der Hand, während er lauscht, wie die Schallplatte in der römischen Luft atmet.

Das Design spielt eine unaufdringliche Nebenrolle. Die Innenausstattung stammt vom lokalen Studio Le Strade, das dafür bekannt ist, klassisches italienisches Design mit moderner Zurückhaltung zu verbinden. Sichtbare Ziegelwände treffen auf Marmor-Arbeitsplatten, Altholz auf Kupfer. Jede Oberfläche ist haptisch ansprechend und schallabsorbierend, so dass sie den Klang einfängt und im Raum hält. Selbst die Barhocker sind mit Leinen statt mit Leder bezogen, was die Akustik zusätzlich abmildert.

33giri wirkt weniger wie ein Konzept, sondern eher wie eine Geste – eine Erinnerung daran, dass Musik, Wein und Präsenz auf derselben Wellenlänge liegen können. Auf den Tischen gibt es kein WLAN-Passwort, keine Fernseher, keine Hektik. Man bemerkt, dass die Leute tatsächlich zuhören: Köpfe nicken, Finger trommeln gegen die Gläser, ein leises Lächeln bei einem vertrauten Riff. Es ist keine Aufführung, sondern eine Gemeinschaftserfahrung.

Gegen Mitternacht ist der Raum von leisen Gesprächen erfüllt. Die letzte Flasche wird entkorkt, eine weitere Schallplatte gleitet aus ihrer Hülle, und die Gäste beugen sich vor – vielleicht ein Groove von Patrice Rushen oder Lucio Battisti. Der Klang ist so warm, dass man die Zeit völlig vergisst. Man wird sich bewusst, dass man sich in einem dieser seltenen Räume befindet, die sowohl Eleganz als auch Intimität ausstrahlen; einem Ort, an dem Rom gerade lange genug zur Ruhe kommt, um sich selbst wieder zu hören.

Wenn du wieder hinaus auf die Via del Falco trittst, atmet die Stadt auf – die kühle Nacht, das Geräusch von Mopeds, ferne Glocken. Doch in deinen Ohren hallt die Musik noch nach. Du gehst beschwingter davon, in einer anderen Stimmung, im Wissen, dass du einen der neuen Klangorte der Stadt entdeckt hast.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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