Zwischen Seiten und Pressungen: „Literary Listening“ im Le Book Bar in Paris
Von Rafi Mercer
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Die „Le Book Bar“ ist eine der renommiertesten Listening-Bars in Paris – erfahren Sie mehr in unserem Leitfaden zu den Pariser Musiklokalen.
Name des Veranstaltungsortes: Le Book Bar
Adresse: Hôtel Grand Amour, 18 Rue de la Fidélité, 75010 Paris, Frankreich
Website: hotelamourparis.fr
Telefon: +33 1 44 16 03 30
Spotify-Profil: k. A.
Paris hat die Gabe, selbst die ungewöhnlichsten Konzepte als selbstverständlich erscheinen zu lassen. Irgendwo zwischen Café-Tisch und Salon, zwischen geflüsterten Gesprächen und dem Klirren von Besteck, findet man die „Le Book Bar“, versteckt im Hôtel Grand Amour im 10. Arrondissement.
Es ist ein Raum, der den Eindruck vermittelt, schon immer hier gewesen zu sein. An den Wänden reihen sich Bücherregale aneinander, einige davon verwittert und mit rissigen Buchrücken, andere frisch aus der Druckerei. Daneben stehen lässig Schallplatten, deren Hüllen das sanfte Lampenlicht einfangen; ihre Typografie ist ebenso Teil der Einrichtung wie die Covergestaltung.
Man betritt das Lokal über das Erdgeschoss des Hotels, geht an der Rezeption mit ihrer Fotogalerie an der Wand vorbei und taucht dann in die intimere Atmosphäre der Bar ein. Die Sitzgelegenheiten sind vielseitig: Vintage-Sessel, niedrige Sitzbänke und Marmor-Cafétische, die wie Satzzeichen verstreut sind. Je nach Lichteinfall und der Platte auf dem Plattenspieler hat man das Gefühl, jeder Platz könnte der beste im ganzen Lokal sein.
Beim Klang geht es hier um Harmonie. Ein unauffälliges, aber hochwertiges System – Verstärker aus französischer Fertigung, Lautsprecher mit warmem Klang – lässt die Musik durch den Raum strömen, ohne dass sie wie bei einer typischen Bar-Anlage zu dominant wirkt. Stattdessen schlängelt sie sich zwischen den Gesprächen hindurch und schwebt in der Luft wie ein zusätzlicher Gast an jedem Tisch.
Tagsüber herrscht in der Bar eher Café-Atmosphäre. Die einen arbeiten an ihren Laptops, eine Tasse Espresso neben sich, während andere in Kunstbüchern blättern oder in einem Taschenbuch schmökern. Als Hintergrundmusik erklingen vielleicht Balladen von Serge Gainsbourg, leiser Blue-Note-Jazz oder die sanften Gitarrenklänge einer Platte von João Gilberto.
Am Abend ändert sich die Stimmung fast unmerklich. Das Licht wird zu einem honigfarbenen Bernstein, Weingläser ersetzen die Kaffeetassen, und der Plattenspieler beginnt eine bedächtigere Auswahl. Die DJs hier – mal Mitarbeiter, mal geladene Gäste – greifen auf eine breite Palette zurück: französisches Chanson, seltene Soul-Singles, unbekannte Soundtrack-Perlen, westafrikanischer Highlife.
Eines Abends saß ich an einem Ecktisch, neben meinem Drink lag ein Exemplar von „Les Fleurs du mal“, und zwischen den Schlucken Burgunder schwebte Coltranes „Naima“ durch die Luft. Es war ein Moment, den man nicht hätte inszenieren können, ohne in Klischees zu verfallen, und doch fühlte er sich hier völlig ungezwungen an.
Die Verbindung von Literatur und Schallplatte ist nicht nur eine ästhetische Frage, sondern ein Rhythmus. Die Seiten werden im Takt der Trommelbesen umgeblättert, Sätze halten auf dem Höhepunkt einer Melodie inne. Die Anlage ist so klar, dass man mitten im Absatz aufschaut, wenn ein Lieblingsstück beginnt, und so zurückhaltend, dass man sich wieder in die Geschichte vertiefen kann, sobald es endet.
Die Kundschaft hier ist so vielfältig wie das Sortiment. Da ist die Mode-Redakteurin zwischen zwei Modenschauen, der Romanautor, der Ideen in ein Notizbuch skizziert, und der Hotelgast, der gerade erst bemerkt, dass er zufällig an einen Ort geraten ist, der auf seine ganz eigene Weise etwas Besonderes ist. Die Gespräche wechseln zwischen Französisch, Englisch und Italienisch; die gemeinsame Sprache ist ein gemeinsames Gespür für das Schöne.
Manchmal finden in der Bar Lesungen oder kleine DJ-Abende statt – solche, bei denen die Stühle etwas lockerer angeordnet werden, die Bücher aber immer noch in Reichweite sind und der Sound ein wenig mehr in den Vordergrund rückt. Hier spürt man das Potenzial der Le Book Bar, sich in etwas Wilderes zu verwandeln, ohne dabei jemals ihre grundlegende Intimität zu verlieren.
Auch der Service spiegelt diese doppelte Ausrichtung wider: Die Mitarbeiter empfehlen Ihnen vielleicht eine Schallplatte, wenn sie bemerken, dass Sie vor dem ausgestellten Cover verweilen, oder schieben Ihnen ein Buch mit den Worten „Das wird Ihnen gefallen“ zu. Dabei geht es ebenso sehr um die Auswahl wie um Gastfreundschaft.
Wenn man wieder auf die Rue de la Fidélité tritt, wirkt die Straße schmaler, und die Pariser Nacht rückt einem näher. Die Musik und die Worte, die man gerade hinter sich gelassen hat, scheinen einem zu folgen – ein Satz im Kopf, eine Basslinie im Schritt.
Die Book Bar empfängt Sie nicht nur, sondern gestaltet Ihren Abend.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.
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