„Brine and Basslines“: „Vinyl Current“ von Le Mary Celeste im Haut Marais

„Brine and Basslines“: „Vinyl Current“ von Le Mary Celeste im Haut Marais

Von Rafi Mercer

Neues Angebot

Name des Veranstaltungsortes: Le Mary Celeste
Adresse: 1 Rue Commines, 75003 Paris, Frankreich
Website: lemaryceleste.com
Telefon: +33 1 42 77 98 37
Spotify-Profil: k. A.

Das „Le Mary Celeste“ macht keinen Hehl aus seinen Absichten. An der Ecke der Rue Commines wird es aus drei Richtungen beleuchtet, und das Licht ergießt sich wie ein Versprechen über das Kopfsteinpflaster. Schon am frühen Abend herrscht in der Bar reges Treiben: Ausgeschälte Austern gleiten auf zerstoßenes Eis, Flaschen werden aus dem Kühlschrank geholt, ein DJ beugt sich über die Plattenteller, um die nächste Seite aufzulegen.

Die Form des Raums trägt zum Klangbild bei. Hohe Fenster und geschwungene Ecken lassen die Musik in jeden Winkel dringen, ohne dabei die Gespräche zu übertönen. Die Lautsprecher sind klein, aber präzise platziert; die Basslinie erreicht dich, egal ob du an der Bar stehst, an einem Stehtisch sitzt oder mit Freunden in einer Ecke sitzt.

Austern sind hier das Highlight – sie werden täglich frisch bezogen und auf Bestellung geschält. Serviert werden sie mit Mignonette, Zitrone oder einer Kreation des Küchenchefs – vielleicht einer Yuzu-Granita oder einem Hauch rauchiger Chili. Die Getränkekarte reicht von salzigen Martinis bis hin zu vielschichtigen Cocktails, die Pariser Flair mit der Frische der Küste verbinden. Und im Hintergrund läuft stets eine Schallplatte.

Die Plattenauswahl hier ist vielseitig, aber stets vom Groove geprägt. Ein Set könnte mit Deep-Jazz-Stücken beginnen – Lee Morgan, Mulatu Astatke –, bevor es dann in Richtung Early Reggae oder einen Midtempo-House-Track übergeht, der den Raum sanft in Bewegung hält. Den DJs wird Freiraum gelassen, und Stammgäste wissen, dass sie das Unerwartete erwarten dürfen.

Eines Abends im Frühling beobachtete ich, wie eine vierköpfige Tischgesellschaft mit Austern und Sancerre begann. Beim dritten Gang war der DJ bereits in einen Dub-Groove versunken, und die Unterhaltung wurde leiser. Jemand fragte nach dem Titel des Songs; ein anderer lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schloss kurz die Augen, bevor das Gelächter wieder einsetzte. Es ist eben so ein Lokal – man kommt nicht hierher, um sich ganz der Musik hinzugeben, aber wenn sie ruft, folgt man ihr.

Der Raum strahlt eine gewisse maritime Romantik aus: mit Seilen eingefasste Spiegel, verwittertes Holz und eine Helligkeit, die auch nach Sonnenuntergang noch anhält. Es herrscht eine lebhafte Atmosphäre, ohne dass es unruhig wirkt; die Energie steigt und fällt im Rhythmus der abendlichen Gerichte und Getränke.

Bis die letzten Austernschalen abgeräumt sind, hat sich die Stimmung oft schon gewandelt. Das Tempo steigt; der Raum wird weniger zu einem Speiseraum als vielmehr zu einer Stehbar. Die Cocktails werden kräftiger, die Gespräche überschneiden sich, und der DJ legt vielleicht etwas Unerwartetes auf – einen synthlastigen Track aus Japan, eine vergessene Soul-7", die irgendwie perfekt zum Moment passt.

Wenn man die „Mary Celeste“ verlässt, nimmt man sowohl die Salzwasserluft als auch die Basslinie mit. Das Salz auf den Lippen, der Rhythmus im Schritt – beides Teil derselben Flut.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus der Reihe „Tracks & Tales“ abonnieren Sie oder hier, um mehr zu lesen.

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