STADT LAND STADT — Shimokitazawas „Analogue Horizon“
Von Rafi Mercer
Neues Angebot
Name des Veranstaltungsorts: CITY COUNTRY CITY
Adresse: Hosozawa-Gebäude, 4. Stock, 2-12-13 Kitazawa, Setagaya-ku, Tokio 155-0031, Japan
Website: —
Instagram: @citycountrycityshimokitazawa
Telefon: 03-3410-6080
Auf dem Weg nach Shimokitazawa gibt es einen Moment, in dem Tokio seinen Kragen lockert. Die Straßen werden schmaler, die Beschilderung wird unauffälliger, und die Geräuschkulisse wechselt von Neon-Pop zu Gitarren-Fuzz, der aus Kellertüren dringt. Irgendwo über einem dieser Plattenläden, im vierten Stock eines unscheinbaren Betongebäudes, befindet sich CITY COUNTRY CITY – ein Café, eine Bar und ein Plattenladen, vereint in einem einzigen Raum, in dem das moderne Tempo Tokios auf die analoge Anmut seiner Vergangenheit trifft.
Es ist ein kleiner Raum mit großen Ambitionen. Eine Wand ist vom Boden bis zur Decke mit Schallplatten ausgekleidet, der Duft von Kaffee weht über die Plattenspieler, und in der Mitte steht ein langer Gemeinschaftstisch, der fast europäisch anmutet – wie man ihn in Lissabon oder Kopenhagen finden würde –, der aber dennoch in der sanften Unordnung japanischer Präzision verwurzelt ist. Der Inhaber, DJ und Kurator Kenji Takimi eröffnete den Raum mit einer Vision: einen Treffpunkt für Klang, Gespräche und Handwerk zu schaffen. Das Ergebnis ist einer dieser seltenen Räume, die sich zugleich zeitlos und auf den gegenwärtigen Moment abgestimmt anfühlen.
Was CITY COUNTRY CITY ausmacht, ist nicht die Lautstärke, sondern die Geduld. Die Anlage ist der Traum eines jeden Puristen – Technics SL-1200-Plattenspieler, Luxman-Verstärker, Tannoy-Monitore, die so positioniert sind, dass sie den warmen Klang gleichmäßig über den Holzboden des Cafés verteilen. Die Playlists bewegen sich quer durch die Genres: brasilianischer Bossa, Tokyo-Jazz, Balearic-Neuauflagen, Downtempo der 90er, gelegentlich ein Cosmic-Disco-Track, wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt. Jede Platte wird mit jener stillen kuratorischen Sorgfalt ausgewählt, die die Japaner zur Perfektion gebracht haben – jeder Titel ist ein kleiner Akt der Aufmerksamkeit.
Tagsüber serviert das Café sorgfältig zubereiteten Kaffee und leichte Speisen – Toast mit hausgemachter Marmelade, Pasta zum Mittagessen und gelegentlich Gebäck von lokalen Bäckern. Das Essen ist bodenständig und unaufgeregt, genau die Art, die das Musikhören nicht stört. Abends wird das Licht gedimmt und die Plattenregale übernehmen die Hauptrolle. Die Einheimischen verweilen bei Craft-Bier oder Naturwein, stöbern im Vinyl-Sortiment (alles zum Verkauf) und halten gelegentlich inne, um zu fragen, was gerade läuft. Die Atmosphäre ist gesprächsorientiert, niemals theatralisch.
Shimokitazawa war schon immer Tokios Boheme-Hochburg – Vintage-Läden, Live-Clubs, Jazz-Keller und Programmkinos drängen sich auf wenigen Häuserblocks. CITY COUNTRY CITY ist das analoge Herzstück dieses Viertels. Es ist weder eine Nachbildung der Jazz-Kissa aus den 1950er Jahren noch ein digitales Konzeptcafé, das Hashtags hinterherjagt. Es liegt irgendwo dazwischen – ein moderner Hörraum mit altmodischer Denkweise: modern genug, um zeitgemäß zu wirken, traditionell genug, um das Ritual des Plattenauflegens zu würdigen.
Das merkt man daran, wie sich die Atmosphäre im Raum verändert. Es gibt keine Eile zwischen den Titeln, kein Gefühl für eine Playlist-Logik. Jemand legt eine Platte auf, andere halten mitten im Gespräch inne. Der Überblendungseffekt zwischen den Liedern wird zu einer Art Interpunktion. Das Licht spiegelt sich auf den Plattenhüllen wie der Schimmer von altem Glas. Das ganze Erlebnis wirkt wie in der Schwebe – nicht nostalgisch, sondern nachdenklich, als würde eine Erinnerung über neue Lautsprecher wiedergegeben.
Für alle, die sich mit der Landschaft der Tokioter Musiklokale beschäftigen, nimmt das CITY COUNTRY CITY eine ganz andere Position ein als beispielsweise das „epulor“ in Nakameguro oder das „RECOCO Record Café“ in Shibuya. Es ist weniger ein Rückzugsort als vielmehr ein Salon – ein Ort, an dem Musik geteilt und nicht isoliert wird. Während das „epulor“ flüstert und das „RECOCO“ meditiert, findet hier ein Austausch statt. Die Vinylregale dienen gleichzeitig als Treffpunkt; die Auswahl einer Platte wird zu einer Art, sich vorzustellen.
Und doch verbirgt sich hinter dieser Offenheit eine präzise kulturelle Logik: die japanische Ehrfurcht vor dem materiellen Klang. Die Schallplatte, der Verstärker, der Tonabnehmer – jedes Teil wird mit Zuneigung, ja sogar mit Demut behandelt. Es ist dieser Geist der Bewahrung, der diese modernen Cafés mit ihren Vorgängern verbindet: den Jazz-Kissa des Nachkriegs-Tokio, wo das Zuhören ein Akt stillen Widerstands war. CITY COUNTRY CITY wirkt wie deren Erbe, neu interpretiert für eine Ära der Playlists und Smartphones, und erinnert uns daran, dass die Zukunft der Musik nach wie vor vom Tastsinn abhängt.
Wenn man den Laden verlässt – vielleicht nachdem man eine Platte gekauft hat, von der man gar nicht wusste, dass man sie brauchte –, scheint einem der Klang die Treppe hinunter zu folgen. Draußen wirkt Shimokitazawa intensiver, die Straßenmusiker wirken lebendiger, der Duft von Curry und Weihrauch liegt schwer in der Luft. Man erkennt, dass CITY COUNTRY CITY nicht nur Kaffee oder Schallplatten anbietet, sondern eine Art Kalibrierung. Es stimmt den Hörer ebenso ab wie die Anlage.
Wenn Sie Ihre eigene Karte mit Orten zum Zuhören in Tokio erstellen möchten, fangen Sie hier an. Schauen Sie anschließend bei unseren „Tokyo Listening Venues“ vorbei, um ein umfassenderes Klangpanorama zu entdecken, oder suchen Sie nach weiteren Bars zum Zuhören in ganz Japan. Jeder Ort spiegelt dieselbe Idee auf etwas andere Weise wider: dass das Zuhören – wenn es richtig gemacht wird – eine ganz eigene Architektur ist.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.