Grüne Träumereien an der Spree

Von Rafi Mercer
Neues Angebot

Anima ist eine der stimmungsvollsten Bars am Flussufer in Berlin – mehr dazu erfährst du in unserem Guide zu den Berliner Musiklokalen.

Name des Veranstaltungsortes: Anima
Adresse: Köpenicker Str. 16–17, 10997 Berlin, Deutschland
Website: https://anima.bar/
Telefon: [nicht öffentlich einsehbar]
Spotify-Profil: [nicht verfügbar]

Man nähert sich dem „Anima“ über die Köpenicker Straße, wo sich die Spree zwischen alten Lagerhallen und neuen Glasbauten schlängelt. Von außen wirkt es fast versteckt – eine abgelegene Ecke des Holzmarkt-Komplexes, bescheiden in der Größe, durch Grünflächen gemildert. Tritt man durch den Eingang, lässt die Stadt hinter sich. Pflanzen füllen den Raum, ihre Blätter leuchten im sanften Licht und verwandeln den Raum in etwas, das auf halbem Weg zwischen einem Gewächshaus und einem Salon liegt. Die Luft ist warm, duftet leicht nach Kräutern, und irgendwo im Hintergrund läuft eine Schallplatte.

Anima ist mehr als nur eine Bar. Es ist ein Hörraum, in dem sich Natur und Klang miteinander verflechten. Das Erste, was einem auffällt, ist die Anlage: maßgefertigte Lautsprecher, die den Raum flankieren und so konzipiert sind, dass sie sich in das Grün einfügen, anstatt es zu dominieren, angetrieben von Röhrenverstärkern, die in der Dämmerung wie Laternen leuchten. Die Plattenspieler ruhen auf einer Konsole aus massiver Eiche, ihre Tonarme sind präzise ausgerichtet. Setzt man die Nadel auf, ist die Wirkung transformativ. Die Töne wirken, als wären sie Teil der Luft selbst, diffundieren wie Sonnenlicht durch Blätter. Der Bass pulsiert sanft, ohne jemals zu überwältigen. Die Höhen schimmern wie Wasser. Diese Hi-Fi-Anlage ist nicht nur auf Klarheit, sondern auch auf Atmosphäre abgestimmt.

Das Programm spiegelt diese Symbiose wider. Die Musikauswahl von Anima tendiert zum Organischen – Spiritual Jazz, Folk, Ambient, Dub und elektronischer Minimalismus. Die gefeierten „Plantasia Sessions“ lassen sich von Mort Garsons Kultalbum „Mother Earth’s Plantasia“ inspirieren, bei denen die Kuratoren Platten auflegen, die angeblich sowohl Menschen als auch Pflanzen nähren. Das klingt zwar skurril, fühlt sich im Raum jedoch zutiefst geerdet an: üppige Harmonien, getragen von Luft, die reich an grünem Leben ist. An anderen Abenden schlägt die Musik andere Töne an: brasilianische Rhythmen, japanischer City-Pop, afrikanischer Jazz. Die Konstante ist die Absicht – jede Platte wird so ausgewählt, dass sie mit dem Raum in Einklang steht, anstatt gegen ihn anzukämpfen.

Die Akustik ist bemerkenswert. Pflanzen wirken wie natürliche Diffusoren, die Reflexionen aufbrechen und harte Kanten abmildern. Holzböden und -decken fangen die Bässe auf und lassen sie atmen, anstatt dass sie dröhnen. Der Raum ist klein genug für Intimität, groß genug für Gemeinschaft, und jeder Tisch ist auf den Klang ausgerichtet. Es wird gesprochen, aber leise, als wären die Stimmen eine weitere Ebene der Atmosphäre. Die Zuhörer lehnen sich zurück, nippen an ihrem Wein, schließen die Augen und lassen sich vom Grün und den Klängen umhüllen. Der Effekt ist so immersiv, wie es nur wenige Berliner Locations schaffen.

Auch die Getränke spiegeln diese Philosophie wider. Die Karte im Anima setzt auf Natürlichkeit – Weine aus biodynamischem Anbau, mit Kräutern angereicherte Cocktails, lokal gebraute Craft-Biere. In jedem eingeschenkten Getränk steckt Sorgfalt, die Überzeugung, dass das, was man trinkt, genauso lebendig sein sollte wie das, was man hört. Das Barpersonal bewegt sich mit ruhiger Präzision und bricht dabei niemals den Zauber des Raumes. Selbst das Essen, wenn es angeboten wird, spiegelt diesen Rhythmus wider: saisonale Gerichte, leicht und frisch, die eher als Begleitung gedacht sind, als abzulenken.

Beständigkeit ist zum Markenzeichen des Anima geworden. Seit seiner Eröffnung hat es der Versuchung widerstanden, zu einem lauten, kommerziellen Veranstaltungsort zu werden. Die Abende sind nach wie vor sorgfältig kuratiert, die Anlage stets perfekt abgestimmt, das Gleichgewicht zwischen Pflanzen und Klang stets gewahrt. Es hätte zu einem weiteren Treffpunkt am Flussufer verkommen können, hat es aber nicht. Stattdessen ist es zu einem Rückzugsort geworden, einem Ort, an dem die Berliner anders zuhören – nicht mit aneinandergepressten Körpern auf einer Tanzfläche, sondern mit Ohren, die auf Feinheiten eingestellt sind.

Das Publikum spiegelt dies wider. Man trifft Designer, Musiker, Einheimische, Reisende – aber vor allem trifft man Zuhörer. Die Menschen kommen nicht, um gesehen zu werden, sondern um in den Klang einzutauchen. Manche kommen allein, begnügen sich damit, ruhig an ihrem Getränk zu nippen und den Abend auf sich wirken zu lassen. Andere kommen in kleinen Gruppen, doch sobald die Musik beginnt, verstummt das Gespräch. Es ist keine erzwungene Stille, sondern gegenseitiger Respekt, die Erkenntnis, dass der Raum durch das zusammengehalten wird, was aus den Lautsprechern strömt.

Wenn man das Anima verlässt, nimmt man mehr mit als nur die Erinnerung an einen Abend in der Stadt. Man nimmt das Gefühl mit, dass Klang und Umgebung miteinander verwoben sind – Musik als Ökologie statt als Unterhaltung. Die Pflanzen leuchten vor dem inneren Auge, der Bass hallt noch immer in der Brust nach, die Luft fühlt sich irgendwie verändert an. Das ist das Geschenk des Anima: Es verändert nicht nur die Art und Weise, wie man Musik hört, sondern auch, wie man den Raum erlebt.

In dieser Hinsicht ist das Anima ein ★★-Veranstaltungsort. Es ist ganz auf Musik ausgerichtet, bewusst kuratiert und in seiner Philosophie konsequent. Mit der Zeit und weiterer Verfeinerung könnte es leicht in die ★★★-Riege aufsteigen, doch vorerst bleibt es einer der stimmungsvollsten Orte Berlins zum Musikhören – ein Ort, an dem Pflanzen und Menschen im gleichen Rhythmus atmen.


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Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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