Hen’s Teeth – Als Dublins Mauern zu lauschen begannen

Hen’s Teeth – Als Dublins Mauern zu lauschen begannen

Von Rafi Mercer

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„Hen’s Teeth“ ist einer der designorientiertesten Veranstaltungsorte in Dublin 8 – mehr dazu finden Sie in unserem Leitfaden zu Musikveranstaltungsorten in Irland.

Name des Veranstaltungsortes: Hen’s Teeth
Adresse: 88–89 Blackpitts, Dublin 8, Irland
Website: hensteethstore.com
Instagram: https://www.instagram.com/hensteethdublin/
Telefon: +353 1 561 1162
Spotify-Profil: Nicht verfügbar

Es gibt bestimmte Orte in Dublin, an denen Vergangenheit und Gegenwart so aufeinanderprallen, dass sich die Atmosphäre anders anfühlt – erfüllt von neuen Möglichkeiten. Blackpitts im Stadtteil Liberties ist ein solcher Ort. Einst ein Arbeiterviertel mit Gerbereien und Brauereien, verströmt es heute den Duft der Erneuerung – nicht den sterilen Glanz der Gentrifizierung, sondern eine vielschichtige Entwicklung, bei der alte Industriegebäude aus Backstein nun Raum für Kunst, Gastronomie und Musik bieten. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht „Hen’s Teeth“, ein Ort, der sich einer einfachen Kategorisierung entzieht. Ist es eine Galerie, ein Restaurant, eine Hi-Fi-Hörbar? In Wahrheit ist es all das zugleich – und noch viel mehr.

„Hen’s Teeth“ ist zum Inbegriff einer bestimmten Art von Kreativität in Dublin geworden: verspielt, designorientiert, in der Gemeinschaft verwurzelt und dennoch offen für den internationalen Austausch. Tritt man ein, fällt einem als Erstes weder die Bar noch der Plattenspieler auf, sondern das Gefühl eines kuratierten Raums. Die Wände werden durch Ausstellungen – Fotografie, Illustration, Grafikdesign – zum Leben erweckt, wobei jede Ausstellung die Atmosphäre des Raums neu gestaltet. Die Tische sind nicht in den starren Reihen eines Restaurants angeordnet, sondern so, als wären sie verstreut, um sowohl Privatsphäre als auch zufällige Begegnungen zu fördern. Die Beleuchtung ist bewusst gewählt: warm genug für Gespräche, hell genug, um Details wahrzunehmen.

Und dann ist da noch der Klang. Auch wenn es sich nicht um eine Hörbar im Sinne der puristischen japanischen Kissaten-Tradition handelt, hat sich das „Hen’s Teeth“ mit seinen „Hen’s Teeth HiFi Sessions“ einen Namen gemacht – Abende, an denen die Plattenspieler im Mittelpunkt stehen und das Publikum nicht nur zum Essen oder Schauen, sondern vor allem zum Zuhören zusammenkommt. An diesen Abenden verwandelt sich der Raum. Was am Nachmittag noch eine Galerieeröffnung sein mag, wird bei Einbruch der Dunkelheit zu einem Klangtheater. Die DJs bringen Schallplatten mit, die Hausanlage wird so eingestellt, dass sie jedes Detail hervorhebt, und das Geschwätz im Raum verstummt instinktiv, sobald die Platten zu laufen beginnen.

Das Erlebnis unterscheidet sich von dem im „The Big Romance“ oder im „Fidelity“, wo sich jeder Abend um den Klang dreht. Im „Hen’s Teeth“ ist es gerade der Kontrast, der das Hörerlebnis umso eindrucksvoller macht. An einem Abend kommst du vielleicht wegen eines sorgfältig zusammengestellten Gerichts, am nächsten wegen einer Ausstellungseröffnung, und dann, vielleicht ganz unerwartet, tauchst du in eine Platte ein, die laut über eine Anlage abgespielt wird, die dafür ausgelegt ist, ihr gerecht zu werden. Der Effekt ist entwaffnend: Der Klang überrascht dich auf die bestmögliche Art und Weise und erinnert dich daran, dass Musik im Mittelpunkt eines Raums stehen kann, auch wenn du es nicht erwartet hast.

Das Essen spiegelt die Herangehensweise an den Klang wider: durchdacht, überraschend und darauf ausgelegt, zum Gespräch anzuregen, anstatt durch Größe zu beeindrucken. Die Gerichte werden wie Kompositionen serviert, ausgewogen in Farbe und Textur, oft mit Anspielungen sowohl auf Streetfood aus aller Welt als auch auf regionale Produkte. So wie ein DJ Platten aus verschiedenen Traditionen zusammenstellt, um eine Geschichte zu erzählen, so kreiert die Küche hier Menüs, die interkulturell anmuten, ohne dabei unübersichtlich zu wirken. Ein Essen im „Hen’s Teeth“ vor einer Hörsession fühlt sich fast so an, als würde man seinen Gaumen auf den bevorstehenden Abend vorbereiten: gestimmt, geschärft, bereit.

Die Architektur des Raums ist Teil seines akustischen Charakters. Freiliegende Ziegelwände strahlen Wärme aus, hohe Decken sorgen für Luftigkeit, während der gezielte Einsatz von Holz und weichen Einrichtungselementen die Reflexion dämpft. Der Klang wird weder verschluckt, noch ist er schrill; er befindet sich in einem Mittelweg, der sowohl Gespräche als auch das Eintauchen in die Musik ermöglicht. Man beugt sich unwillkürlich vor, wenn die Nadel auf die Platte aufsetzt – nicht, weil der Klang leise ist, sondern weil der Raum selbst scheinbar dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit auf die Musik zu lenken.

Hen’s Teeth zeichnet sich zudem durch seinen kuratorischen Mut aus. Während sich manche Hörbars stark auf Jazz, Soul oder die etablierteren Traditionen des Vinylhörens konzentrieren, erweitert Hen’s Teeth sein Programm oft in unerwartete Richtungen: World Grooves, zeitgenössische irische Elektronik, Hip-Hop-Instrumentals, Ambient-Experimente. Dabei geht es nicht um Genre-Reinheit, sondern um kulturellen Dialog. Auch das Publikum spiegelt dies wider: eine Mischung aus Künstlern, Designern, Feinschmeckern und Gelegenheitshörern, die hier immer wieder Neues entdecken. Auf diese Weise leistet „Hen’s Teeth“ etwas Seltenes – es bringt die Hörkultur denen näher, die sie vielleicht gar nicht gesucht hätten, und erweitert so die Gemeinschaft, ohne dabei seine Intention zu verwässern.

Und auch Humor kommt hier nicht zu kurz. „Hen’s Teeth“ präsentiert sich nicht mit der gedämpften Ehrfurcht eines Tempels. Schon der Name ist verspielt – eine Erinnerung daran, dass man nach Seltenem suchen sollte, aber auch, dass man das Seltene genießen darf. Diese Leichtigkeit spiegelt sich in der Atmosphäre der Abende wider. Man kann in einem Moment noch über die Geschichte eines Freundes lachen und im nächsten plötzlich von den ersten Takten einer Platte gefesselt sein, die den ganzen Tisch verstummen lässt. Der Übergang fühlt sich nahtlos an, denn der Ort lässt beides zu.

Kulturell gesehen steht „Hen’s Teeth“ für einen Wandel in Dublins Verhältnis zur Musik. Die Stadt hatte schon immer eine starke Live-Musikszene, von den Trad-Sessions im „The Cobblestone“ bis hin zur Rock-Tradition im „Whelan’s“. Doch in den letzten Jahren haben Orte wie „Hen’s Teeth“ die Dubliner daran erinnert, dass es bei Musik auch um bewusstes Zuhören gehen kann – nicht um eine Darbietung, nicht um Hintergrundmusik, sondern um das Eintauchen in die Musik. In diesem Sinne erweitert es die Tradition der „Listening Bars“ in neue Bereiche: weniger um Reinheit, mehr um interdisziplinären Dialog.

An manchen Abenden wirkt die Atmosphäre fast schon geheimnisvoll, als wären die Anwesenden in einen geheimen Zirkel von Musikliebhabern geraten. Die Schallplatte dreht sich, die Nadel summt, und es stellt sich eine kollektive Stille ein – keine erzwungene, sondern eine freiwillige. In solchen Momenten löst sich die Grenze zwischen Galerie, Restaurant und Hörbar vollständig auf. Alles, was bleibt, ist die Schallplatte und der Raum, der sie umgibt.

Wenn man das „Hen’s Teeth“ verlässt, betritt man wieder die Blackpitts und spürt den Kontrast der Nacht. Die industriellen Backsteingebäude, die neuen Wohnungen, die Geister vergangener Brauereien – all das scheint leise die Erinnerung an das widerzuspiegeln, was man gerade gehört hat. In Dublin mangelt es nicht an Pubs oder Musiklokalen, aber es gibt nur sehr wenige Orte, an denen Essen, Kunst und Klang gleichberechtigt nebeneinander existieren dürfen. „Hen’s Teeth“ ist einer dieser seltenen Orte. Und in einer Stadt, die noch lernt, anders zuzuhören, ist das wichtig.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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