Kasheme – Zürichs „Wohnzimmertempel“
Von Rafi Mercer
Neues Angebot
Name des Veranstaltungsortes: Kasheme
Adresse: Neugasse 56, 8005 Zürich, Schweiz.
Website: kasheme.com
Instagram: @kasheme
Zürich ist eine Stadt, die oft stolz auf ihre Klarheit ist. Der See ist spiegelglatt, die Trams kommen auf die Sekunde genau, die Skyline besticht durch Glas und Ordnung. Doch hinter dieser Präzision verbirgt sich eine Sehnsucht nach Lässigkeit, nach Groove, nach Klängen, die gelebt wirken. Das Kasheme, versteckt in der Neugasse im 5. Bezirk, erfüllt dieses Bedürfnis mit der Intimität eines Wohnzimmers und dem kuratorischen Anspruch einer Kulturinstitution. Steigt man die schmale Treppe hinauf und tritt ein, befindet man sich sofort in einer anderen Dimension der Stadt – einer, die durch Schallplatten gemildert, durch Lampen erwärmt und durch Gespräche gestimmt wird, die sich der Musik anpassen.
Der Raum wirkt auf den ersten Blick schlicht. Niedrige Decken, zusammengewürfelte Sofas, Regale voller Schallplatten, eine Bar, die eher wie eine Küchentheke wirkt als wie eine Ladentheke. Es könnte die Wohnung von irgendjemandem sein – wenn dieser Jemand eine Plattensammlung von Weltklasse und eine Vorliebe für gute Cocktails hätte. Doch wenn man einen Moment lang hinhört, weiß man, dass man sich an einem ganz anderen Ort befindet. Die Anlage ist auf den menschlichen Maßstab abgestimmt – der Bass ist präsent, aber niemals aufgeblasen, der Mitteltonbereich ist so reichhaltig, dass Stimmen und Bläser wie Gäste im Raum sitzen, und die Höhen sind so abgerundet, dass sie schimmern, ohne zu ermüden. Man kann sprechen, man kann sich bewegen, aber man kann es nicht ignorieren.
Das Programm ist so vielseitig wie Zürich selbst. An einem Abend Spiritual Jazz, am nächsten Dub, an einem Freitag ein Selector, der obskure afro-brasilianische Stücke auflegt, am Samstag ein DJ aus London, der Cosmic Disco spielt. Die Übergänge sind nahtlos, denn das Leitmotiv ist einheitlich: Musik, die einen Raum öffnet, anstatt ihn zu verschließen; Platten, die Menschen zusammenbringen, anstatt sie zu trennen. Man schaut sich um und sieht Fremde, die bei derselben Passage mit dem Kopf nicken, Gespräche, die mit einem Plattencover als Anlass beginnen, und eine Gemeinschaft, die durch gemeinsamen Sound entsteht.
Kasheme ist nicht nur eine Bar. Es ist auch ein Plattenladen, ein Online-Radiosender und ein Studio. Diese verschiedenen Facetten machen es weniger zu einem Veranstaltungsort als vielmehr zu einem Ökosystem, einem Knotenpunkt, an dem die Kultur des Musikhörens über alle Formate hinweg gedeiht. Man kann am Nachmittag eine Platte kaufen, sie am Abend dort spielen hören und später ein Set desselben DJs in dessen Sendung streamen. In einer Stadt, der manchmal Zurückhaltung vorgeworfen wird, bietet Kasheme einen Gegenpol: Offenheit, Herzlichkeit und Großzügigkeit bei der Programmgestaltung.
Die Getränke untermalen den Abend, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Die Cocktails sind kunstvoll gemixt, die Weine mit Geschmack ausgewählt, die Biere stammen aus der Region – doch der Schwerpunkt liegt stets auf Ausgewogenheit. Man trinkt, um mit dem Abend Schritt zu halten, nicht um ihn zu bestimmen. Der Service wirkt eher wie Gastfreundschaft als wie Bedienung; die Mitarbeiter bewegen sich mit der Gelassenheit von Menschen, die möchten, dass man so lange wie möglich bleibt. Und das tut man auch. Die Stunden vergehen unbemerkt, denn der Raum lehrt einen, anders zuzuhören – nicht auf den Höhepunkt, sondern auf die Kontinuität.
Wenn man wieder hinaus auf die sauberen Straßen Zürichs tritt, spürt man den Kontrast. Die Stadt läuft nach Plan; das Kasheme läuft nach Groove. Für Kenner ist es einer der wichtigsten Konzertorte Europas – ein Beweis dafür, dass Klang ebenso sicher Gemeinschaft schaffen kann wie jede städtische Institution. Es ist ein Tempel im Wohnzimmerformat, und in Zürich fühlt sich diese Balance aus Intimität und Ehrgeiz selten und doch notwendig an.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.