Linien und Ebenen: „Mesures“ – Präzises Zuhören im Haut Marais
Von Rafi Mercer
Neues Angebot
Name des Veranstaltungsortes: Mesures
Adresse: 12 Rue des Filles du Calvaire, 75003 Paris, Frankreich
Website: k. A.
Telefon: k. A.
Spotify-Profil: k. A.
Das „Mesures“ drängt sich nicht in den Vordergrund; es lässt einen einfach ankommen. Da es in der Rue des Filles du Calvaire liegt, läuft man leicht daran vorbei, wenn man nicht gezielt danach sucht. Doch sobald sich die Glastür öffnet, verlangsamt sich das Tempo der Stadt um die Hälfte, und man steht in einem Raum, in dem alles durchdacht wirkt – die Länge der Bar, die Helligkeit der Beleuchtung, die Art und Weise, wie die Musik in der Luft schwebt.
Der Name sagt schon alles. Bei „Mesures“ dreht sich alles um Proportionen. Darum, zu wissen, wann man etwas hinzufügt und wann man etwas weglässt. Die Bar selbst ist bewusst schlicht gehalten: helle Putzwände, Regale mit Flaschen, die sowohl nach Geschmack als auch nach ihrer Geschichte ausgewählt wurden, und Barhocker, die zum Verweilen einladen, ohne dass man sich zu lange dort aufhält. Die Musikanlage nimmt bewusst einen eigenen Platz ein – nicht protzig, aber sichtbar genug, um ihre Rolle deutlich zu machen.
Der späte Nachmittag ist eine gute Zeit für einen Besuch. Das Personal räumt gerade nach dem Mittagsservice auf, und die ersten Klänge des Abends dringen wie warme Luft durch ein offenes Fenster herein. Vielleicht ist es eine Bossa-Nova-LP mit Weichzeichner-Effekt oder ein Instrumentalstück aus einer französischen Library-Platte – genau die Art von Titel, bei der man sich unwillkürlich zu den Lautsprechern umdreht, ohne genau zu wissen, warum.
Die Getränke hier bestechen durch ihre unaufdringliche Perfektion. Ein Negroni, der so serviert wird, als wäre er schon immer für Sie bestimmt gewesen, mit einer Orangenschale, die sich genau richtig wellt; ein Highball, dessen Kohlensäure über die gesamte Dauer eines Musikstücks hinweg ihre Form behält. Die Speisekarte ist übersichtlich, aber elegant – eine Handvoll kleiner Gerichte, die sich sowohl als Aperitif als auch als leichtes Abendessen eignen: marinierte Oliven, hauchdünne Wurstwaren, Tartines mit Gemüse der Saison.
Bis sich der Raum gefüllt hat, hat sich die Musik bereits verändert. Der DJ arbeitet ohne viel Aufhebens und schafft eher eine Stimmung als eine Playlist. Ein Titel läuft länger als erwartet; ein Übergang setzt an einer Stelle ein, mit der man nicht gerechnet hat, und plötzlich bewegt die ganze Bar ihre Schultern im gleichen Takt. Es geht nicht um Lautstärke – die Lautstärke liegt genau in jenem schmalen „Sweet Spot“, in dem die Details erhalten bleiben, ohne dass Gespräche in den Hintergrund gedrängt werden.
Eines Abends beobachtete ich, wie eine vierköpfige Gruppe mitten im Set hereinkam. Zunächst unterhielten sie sich über die Musik hinweg und tauschten Neuigkeiten aus, wie man es eben tut, wenn man sich seit Wochen nicht gesehen hat. Doch als sich das Set in einen langsamen Afrobeat-Groove einpendelte, bemerkte ich die Veränderung: Einer lehnte sich zurück und schloss für einen Moment die Augen; ein anderer begann, den Rhythmus am Rand seines Glases nachzuzeichnen. Beim dritten Titel hörten sie schon genauso aufmerksam zu wie sie sich unterhielten.
Das Personal hier ist ebenso Teil des Hörerlebnisses wie die DJs. Es bewegt sich leise und füllt die Gläser nach, ohne den Fluss des Sets zu unterbrechen. Wenn man nach einem Titel fragt, nennt es einem nicht nur den Namen – es erklärt auch, warum dieser Titel gespielt wird, was der Künstler sonst noch aufgenommen hat oder wie er sich in den Ablauf des Abends einfügt.
Mesures zeichnet sich durch seine Ausgewogenheit aus. Es ist ein geselliger Ort, der es versteht, Innehalten zu lassen; ein Hörraum, der Gespräche zulässt, ohne die Musik in den Hintergrund zu drängen. Dank der zurückhaltenden Gestaltung des Innenraums – hohe Decken, klare Linien und gerade genug Struktur in den Oberflächen, um Schallreflexionen zu vermeiden – muss das Soundsystem nicht gegen den Raum ankämpfen.
Es gibt hier eine ganz besondere Art von Abend, an dem die Außenwelt fast völlig verschwindet. Man blickt von seinem Glas auf und stellt fest, dass man die Straße nicht mehr sehen kann, sondern nur noch das sanfte Licht der Bar und das leichte Schimmern am Rand der Schallplatte, während sie sich dreht. Der Titel endet, und für einen Moment atmet der ganze Raum im Gleichklang.
Als ich an jenem Abend wieder ins Marais hinaustrat, fühlte sich die Luft frischer an. Meine Schritte passten sich dem Rhythmus des letzten Songs an, den ich gehört hatte. Da wurde mir klar, dass genau das die Stärke des „Mesures“ ist: Hier werden nicht nur Getränke serviert oder Platten aufgelegt – man bekommt ein Tempo mit auf den Weg.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.