Music Room – Melbournes mit Walnussholz ausgekleideter Herzschlag

Music Room – Melbournes mit Walnussholz ausgekleideter Herzschlag

Von Rafi Mercer

Neues Angebot

Name des Veranstaltungsortes: Music Room
Adresse: Ebene 3, 270 Lonsdale Street, Melbourne, VIC 3000, Australien.
Website: her.melbourne/musicroom
Instagram: @musicroom_melbourne

Es gibt einen Ort im Zentrum von Melbourne, an dem einem die Straße zu viel wird. Der Verkehr auf der Lonsdale Street, der Trubel der Geschäfte und das unaufhörliche Stadtgetöse drängen sich einem entgegen – und dann betritt man HER: das mehrstöckige Gebäude, das zu einem der kulturellen Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Der Aufzug bringt einen in die 3. Etage, und wenn sich die Türen öffnen, betritt man eine Welt, die von ganz anderer Ruhe geprägt ist. Der „Music Room“ ist mit Walnussholz ausgekleidet und gedämpft beleuchtet – eine Hörbar, die auf Details, Tiefe und die Geometrie des Klangs setzt. Er ist Melbournes raffiniertester Beitrag zur neuen globalen Kultur der Hi-Fi-Bars und hat sich schnell seinen Platz als Herzschlag des Nachtlebens der Stadt erobert.

Die Proportionen wirken unmittelbar. Die Decke ist niedrig genug, um Wärme zu speichern, die Holzwände dämpfen Reflexionen, die Sitzgelegenheiten sind auf die Kabine ausgerichtet, in der die DJs wie Bildhauer mit Schallplatten arbeiten. Die Bar erstreckt sich entlang einer Seite, strahlt sanft und ist frei von Unordnung. Der Raum wirkt sowohl intim als auch offen – ein Ort, der in erster Linie das Gehör und erst in zweiter Linie das Auge berücksichtigt. Schallplatten säumen die Regale, manche sichtbar, viele verborgen – das Versprechen einer Sammlung, die ebenso überraschen wie beruhigen kann.

Der Klang ist das, woran man sich erinnert. Sorgfältig ausgewählte Komponenten, die sich harmonisch in den Raum einfügen, schaffen ein Klangfeld, das den Zuhörer einhüllt, ohne aufdringlich zu wirken. Der Bass kommt mit Kontur, nicht mit Druck. Die Mitten haben Substanz, sodass eine Stimme oder eine Bläserlinie voll und rund, nicht dünn und hohl klingt. Die Höhen reichen weit, ohne zu grellen, und die Becken schimmern in die Dunkelheit hinein. Es ist ein Klang, dem man stundenlang lauschen kann, ohne müde zu werden. Diese Qualität unterscheidet den Music Room von anderen Nachtlokalen in Melbourne: Hier ist die Anlage keine Unterhaltung, sondern Architektur.

Die DJs bewegen sich souverän durch die verschiedenen Stimmungen. Zu Beginn des Abends hört man vielleicht Spiritual Jazz oder brasilianische Volksmusik – Platten, die den Raum wie ein Fenster öffnen. Später wechselt der Stil zu Disco, Balearic oder House – Grooves, die den Körper lockern, ohne jemanden zum Jubeln zu drängen. Es geht nicht darum, zu tanzen oder zu trinken – obwohl man beides tun kann –, sondern darum, den Klang zu erleben. Jeder Abend hat seine eigene Form, eine Geschichte, die durch die Platten erzählt wird, und das Publikum reagiert darauf mit stiller Ehrfurcht. Gespräche finden ihren Rhythmus, Pausen ziehen sich in die Länge, Blicke werden über die Tische hinweg ausgetauscht, wenn ein Titel genau ins Schwarze trifft.

Die Getränke spiegeln den Sound wider. Die Cocktails sind prägnant, saisonal und werden ohne viel Aufhebens serviert. Das Whisky-Sortiment wird mit derselben Sorgfalt zusammengestellt wie die Schallplattenauswahl, und jeder Whisky wird als Begleitgetränk für den Abend angeboten. Nichts wird überstürzt; das Barteam bewegt sich im gleichen Tempo wie die DJs. Man merkt, wie sich der eigene Körper allmählich anpasst – die Schultern entspannen sich, der Atem wird tiefer, die Ohren werden aufmerksamer.

In einer Stadt, die ihr Nachtleben hoch schätzt, hat sich der „Music Room“ einen ganz eigenen Platz geschaffen: kein Club, kein Restaurant, keine Lounge, sondern ein Raum, in dem die Musik den Ton angibt und alles andere sich danach richtet. Sein Erfolg beruht auf Ausgewogenheit. Er ist ernsthaft, ohne streng zu wirken, stilvoll, ohne oberflächlich zu sein, und gesellig, ohne chaotisch zu wirken. In gewisser Weise fühlt es sich an wie der Raum, auf den Melbourne gewartet hat – ein Ort, der erkennt, wie aufmerksam die Stadt zuhört.

Wenn man wieder hinaus in die Nacht tritt, ist der Kontrast schlagartig. Die Stadt pulsiert, auf den Straßen herrscht Trubel, doch man trägt etwas in sich: den Klang einer Platte, die man richtig gehört hat, die Erinnerung an einen Drink, der genau zu dieser Stimmung passte, das Gefühl, dass sich die Stadt für ein oder zwei Stunden ganz auf die Klangtreue eingestellt hat. Das ist das Besondere am „Music Room“, und dafür lohnt es sich, immer wieder hierher zurückzukehren.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“, abonnieren, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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