Nefertiti – Die schwedische Seelenfrequenz
Von Rafi Mercer
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Name des Veranstaltungsortes: Nefertiti
Adresse: Hvitfeldtsplatsen 6, 411 20 Göteborg, Schweden.
Website: nefertiti.se
Instagram: @nefertiti.se
In Göteborg trägt die Meeresluft den Klang anders. Er ist salzig und langsam, als wäre er von Entfernung und Wind geprägt. Irgendwo zwischen dem Licht des Kanals und dem Rhythmus der Straßenbahnen gibt es einen Ort, der seit Jahrzehnten seinen Puls bewahrt hat – einen Raum, der jedes Genre und jede Generation gespürt hat. Nefertiti ist diese Frequenz.
Wenn man die Stufen vom Hvitfeldtsplatsen hinuntergeht, leuchtet der Eingang wie ein Standbild aus einem alten Film. Man geht vorbei an den Plakaten, den Echos und dem schwachen Geruch von Vinyl und Bühnenholz. Der Name erstreckt sich über eine niedrige Backsteinmauer – kühn, selbstbewusst, unprätentiös. Im Inneren ist das Licht bernsteinfarben, die Decken niedrig, der Klang lebendig. Es ist kein Club, in den man zufällig hineinstolpert; es ist ein Hörraum, der sich als solcher tarnt.
Seit 1978 ist das Nefertiti ein fester Bestandteil der Seele Göteborgs. Es begann als Jazzclub, gegründet von Musikern und Liebhabern, die an die Idee glaubten, dass Musik gefühlt und nicht nur gespielt werden sollte. Im Laufe der Jahre hat es neue Rhythmen aufgenommen: Funk, Afrobeat, R&B, elektronische Experimente und alles dazwischen. Doch auch wenn sich die Stile änderten, blieb eine Wahrheit bestehen – dies ist ein Ort, an dem zugehört wird. Die Akustik ist Teil seiner Legende. Man spürt den Druck des Klangs in den Ziegeln, nicht gegen sie. Der Bass setzt tief und warm ein, die Becken schweben mit perfektem Ausklingen in der Luft.
Das System ist ein Kraftpaket an Wärme und Klarheit – ein handabgestimmtes Array der Y-Serie von D&B Audiotechnik, gepaart mit Vintage-Verstärkern der MC-Serie von McIntosh für die Jazz-Sets, die über ein analoges Mischpult laufen, das noch immer die Spuren jahrzehntelanger Auftritte trägt. Die Tontechniker hier sprechen leise über den Klang; sie behandeln den Raum wie ein Instrument. An jedem beliebigen Abend kann man vielleicht eine Trompetenmelodie hören, die wie Winterluft durch die Menge schneidet, oder ein Basssolo, das sich anfühlt, als würde es nur für das Mauerwerk gespielt.
Was das „Nefertiti“ so besonders macht, ist nicht nur die Authentizität, sondern auch das Gefühl der Kontinuität. Auf derselben Bühne, auf der einst Herbie Hancock spielte, lassen lokale Studenten nun ihren eigenen Improvisationen freien Lauf. Im Anschluss legt vielleicht ein DJ seltene Vinyl-Perlen auf – eine Live-Aufnahme von Pharaoh Sanders, einen spirituellen Groove von Don Cherry oder einen seltenen skandinavischen Fusion-Track. Der Übergang von Live-Musik zu Vinyl verläuft nahtlos, als weigere sich der Raum selbst, mit dem Schwingen aufzuhören.
An der Bar geht der Soundtrack weiter. Die Getränkeauswahl ist überschaubar – lokales Craft-Bier, Aquavit, Whisky, Naturwein –, doch beim Einschenken wird dieselbe Sorgfalt an den Tag gelegt wie beim Soundmix. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt: kleine Häppchen, schwedische Bistro-Gerichte, Fisch, der nach dem nahegelegenen Hafen schmeckt. Die Küche öffnet zwei Stunden vor den Auftritten, sodass frühe Besucher speisen können, während die Bands beim Soundcheck sanfte Klänge durch den Raum schicken. Gespräche vermischen sich mit den Proben, und für einen kurzen Moment fühlt sich der ganze Ort wie eine einzige Probe des Lebens an.
Das „Nefertiti“ zieht ein ganz besonderes Publikum an. Man sieht grauhaarige Jazz-Veteranen neben Designstudenten sitzen, zu Besuch weilende Produzenten und Menschen, die nur zum Zuhören gekommen sind. Es geht nicht um die Szene, sondern um die Stimmung. Es liegt eine Großzügigkeit darin, wie die Menschen einander Raum lassen. Niemand übertönt die Musik mit lauten Rufen. Wenn ein Solo seinen Höhepunkt erreicht, reagiert der Raum mit stiller Ehrfurcht. Das ist eine Kultur, die Schweden gut beherrscht – höflich und doch leidenschaftlich, geordnet und doch emotional.
Die Optik passt zum Klang. Sichtbare Ziegelwände und dunkles Holz zeugen von der Patina der Zeit; Spiegel hinter der Bar reflektieren das Licht der tiefhängenden bernsteinfarbenen Glühbirnen, die wie Monde herabhängen. Im Winter sammelt sich Kondenswasser an den Innenseiten der Fenster und lässt die Umrisse der Menschenmenge zu einem impressionistischen Fleck verschwimmen. Die Bühne leuchtet in tiefem Blau, und irgendwo in der Nähe der Bar dreht sich langsam eine Schallplatte und überbrückt so die einzelnen Sets.
Jeden Sommer dehnt sich Nefertiti ins Freie aus – die „Nefertiti Solen “-Reihe verwandelt den Innenhof in einen Hörgarten unter freiem Himmel. Die Lautsprecher sind nach außen gerichtet, der Himmel wird zur Decke, und dieselbe Wärme schlägt sich in einer für den Außenbereich typischen Klarheit nieder. Es ist, als würde der Veranstaltungsort nach Monaten intensiver Innenraumaktivitäten tief durchatmen und seinen Klang zurück in die Stadt senden.
Das Programm bleibt abenteuerlich. An einem Abend tritt ein Free-Jazz-Trio aus Oslo auf, am nächsten ein Elektronik-Produzent mit einem modularen Live-Set, am nächsten ein Funk-Ensemble, das jede Frequenz perfekt aufeinander abstimmt. Dazwischen gibt es von den hauseigenen DJs kuratierte Vinyl-Abende – jene Nächte, in denen der Plattenspieler zum Headliner wird. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass auf einen Groove von Ebo Taylor eine Platte von Miles Davis folgt, wobei der Übergang mit der Präzision eines erfahrenen DJs vollzogen wird.
Irgendwann am Abend wirst du vergessen, wie spät es ist. Draußen hält die Stadt ihren Zeitplan ein – Straßenbahnen, Studenten, das Summen der Universität Göteborg –, aber im Nefertiti herrscht ein anderes Tempo. Es dreht sich in seinem eigenen Rhythmus, mit konstanten 33 Umdrehungen pro Minute. Vielleicht sitzt du ganz allein an der Bar, beobachtest, wie sich die Lichter verändern, und bist dankbar, dass es Orte wie diesen noch gibt – Orte, die verstehen, dass Musik kein Lärm ist, sondern Architektur.
Wenn die Nacht zu Ende geht, trittst du wieder hinaus in die skandinavische Kälte. In deinen Ohren spürst du noch immer die Wärme – jene Art von Wärme, die entsteht, wenn echte Luft durch den echten Raum strömt. Du gehst auf den Fluss zu und hörst den Wind über dem Wasser, der wie das Ausklingen eines Beckenschlags klingt. Das ist es, was Nefertiti am besten kann: Es bringt dich wieder in Einklang mit der Welt.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.