Nur die Wilden: Venedigs Küstenritual aus Vinyl und Licht
Von Rafi Mercer
Neues Angebot
„Only the Wild Ones“ ist eine der stimmungsvollsten Listening-Bars in Venice – weitere Informationen finden Sie in unseremLeitfaden zu den Musiklokalen in Los Angeles.
Name des Veranstaltungsortes: Only the Wild Ones
Adresse: 1522 Pacific Avenue, Venice, Los Angeles, CA 90291, Vereinigte Staaten
Website: Only the Wild Ones
Instagram: @onlythewildonesla
Telefon: Nicht öffentlich aufgeführt
Spotify-Profil: k. A.
Venice war schon immer der unkonventionellste Küstenstreifen von Los Angeles – ein Viertel, in dem sich Surfwachs, Skateboards und Psychedelia mit Café-Kultur und Boutique-Design vermischen. Doch sobald man die Pacific Avenue verlässt und „Only the Wild Ones“ betritt, findet man einen Raum zum Zuhören vor, der diesen freien Geist in ein bewusstes Ritual umwandelt: Klang nicht nur als Atmosphäre, sondern als Anker, wiedergegeben über eine Hi-Fi-Anlage, die auf Intimität ausgelegt ist.
Der Raum ist klein, aber voller Leben. Holzvertäfelungen zieren die Wände, warmes, bernsteinfarbenes Licht strahlt gedämpft, und Vinylregale durchziehen den Raum wie eine Bibliothek für Träumer. Es gibt keine Bühne, kein Scheinwerferlicht – nur eine Kabine, Plattenspieler und eine Reihe von Lautsprechern, die so sorgfältig abgestimmt sind, dass man ihre Ausgewogenheit in der Brust spürt. Sobald die erste Platte aufgelegt wird, atmet der Raum auf – und du mit ihm.
Der Name der Bar ist eine Anspielung auf den Kult-Song von Phish, aber auch auf das Leitbild: ein Treffpunkt für alle, die ein wenig locker durchs Leben gehen und auf glückliche Zufälle vertrauen. Doch bei der Umsetzung ist nichts dem Zufall überlassen. Die Beschallungsanlage wurde sorgfältig zusammengestellt – Vollbereichslautsprecher, die für Klarheit positioniert sind, ein separater Subwoofer für Wärme und eine Verstärkung, die nicht nach Trends, sondern nach Authentizität ausgewählt wurde. Es ist ein System, mit dem man die Nachhallspuren einer balearischen Gitarrenlinie oder das sanfte Kratzen einer Nadel hören kann, die über eine Soul-Single mit 45 Umdrehungen gleitet. Gemessen an den „5 Regeln für klangliche Exzellenz“ glänzt „Only the Wild Ones“ in den Bereichen Soundsystem-Qualität und akustisches Umfeld: Der Raum mag zwar an der Küste liegen, doch die Klangtreue ist großstädtisch.
Das Programm richtet sich nach den Gezeiten Venedigs. Die frühen Abendstunden beginnen oft mit Ambient- oder Akustikklängen, die den Übergang vom Strand bei Sonnenuntergang in die Nacht sanft gestalten. Im Laufe des Abends bewegen sich die DJs in Richtung Cosmic Disco, Soft House, Balearic-Tracks und globale Grooves. Die Programmgestaltung ist offen, experimentell und selten starr. Ein DJ kann eine brasilianische Platte in eine Detroit-B-Seite einflechten oder einen japanischen Synth-Track in Dub-Reggae ausklingen lassen. Was alles verbindet, ist die Absicht: Jede Platte scheint so ausgewählt zu sein, dass sie die Stimmung im Raum verändert.
Und doch ist dies kein Ort, der Stille verlangt. Gespräche fließen, Freunde lachen, Paare beugen sich bei Kerzenschein zueinander. Die Musik gibt den Ton an, doch das Leben stimmt mit ein. Das ist das Besondere am Westside: weniger andächtige Stille als vielmehr geselliges Eintauchen. Die Atmosphäre ist lockerer als die gedämpfte Intensität des „In Sheep’s Clothing“ in der Innenstadt, aber nicht weniger ernsthaft in ihrer Hingabe an den Klang. Auf den Skalen „Sonic Intent“ und „Curation & Vibe“ schneidet es hervorragend ab.
Auch die Getränke spiegeln diese Philosophie wider. Die Karte setzt auf Naturweine und Cocktails, die handgemacht wirken, dabei aber mühelos erscheinen: Spritz mit Küstenkräutern, Mezcal Sours mit einem Hauch Zitrus, pur servierter Wermut. Jeder Drink verströmt eine ozeanische Frische, als wolle die Bar selbst daran erinnern, dass der Strand nur zwei Häuserblocks entfernt ist. Das Speisenangebot ist minimalistisch, aber darauf ausgelegt, den Appetit zu stillen: Oliven, geräucherter Fisch, Brot, Käse. Genug, um die Getränke zu begleiten, ohne jedoch davon abzulenken.
Das Publikum spricht Bände. Einheimische aus Venedig, die die von Touristen überlaufenen Bars an der Promenade satt haben, finden hier Zuflucht. Künstler und Designer kommen aus ihren Ateliers hierher. Musiker erkennen die Ernsthaftigkeit des Klangs. Und zwangsläufig entdecken auch ein paar neugierige Passanten, angezogen vom Schein und dem leisen Summen der Schallplatten, ein neues Ritual. Es herrscht eine Mischung aus Zielstrebigkeit und Offenheit – Stammgäste und Neulinge atmen dieselbe Luft und sind vereint durch die Geduld zum Zuhören.
Beständigkeit ist das entscheidende Kriterium. Ob man an einem ruhigen Mittwoch oder an einem überfüllten Freitag vorbeischaut – der Standard bleibt gleich. Die DJs mögen wechseln, die Musikrichtungen sich ändern, doch die Qualität bleibt konstant, die Atmosphäre unverändert. In einer Stadt, die vom Spektakulären lebt, setzt „Only the Wild Ones“ auf Zuverlässigkeit. Es ist eine Bar, bei der man sich darauf verlassen kann, dass es jedes Mal gut klingt – und das macht den Abstecher vom üblichen Chaos in Venice lohnenswert.
Wenn man nach Feierabend nach draußen geht, entfaltet Venedig wieder seinen ganzen Charme. Auf der Pacific Avenue wimmelt es von Nachtschwärmern, die Meeresluft trägt den salzigen Duft über den Boulevard, und das Mondlicht fällt schräg über die Dächer. Doch in deinem Kopf bleiben die Spuren zurück: der Klang einer Platte, die dich unvorbereitet erwischt hat, die Wärme des Basses, die noch immer in deinen Rippen nachhallt, das Gefühl, dass du für ein paar Stunden in einer Oase der Klarheit gelebt hast.
Das „Only the Wild Ones“ ist zwar nicht die größte oder berühmteste Hörbar der Stadt. Aber es ist vielleicht eine der wichtigsten – eine Erinnerung daran, dass Klang, wenn man ihm Raum und Aufmerksamkeit schenkt, uns immer noch überraschen, einen Abend prägen und Venedig in einen Ort des Zuhörens verwandeln kann.
Mehr entdecken
Entdecken Sie unsere „Listening Bar“-Kollektion
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.