„The Last Call“: Williamsburgs unaufdringliche Hommage an die Vinyl-Nächte

„The Last Call“: Williamsburgs unaufdringliche Hommage an die Vinyl-Nächte

 

Von Rafi Mercer
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Das „Last Call“ ist eine der unscheinbarsten Vinyl-Bars in Williamsburg – mehr dazu finden Sie in unseremLeitfaden zu den Musiklokalen in New York.

Name des Veranstaltungsortes: The Last Call
Adresse: 44 Berry Street, Williamsburg, Brooklyn, NY 11249
Website: k. A.
Instagram: @lastcallnyc
Telefon: (718) 782-0910
Spotify-Profil: k. A.

Williamsburg versteht es, sich alle zehn Jahre neu zu erfinden. Was einst ein rauer Lagerhausbezirk war, wurde in den 2000er Jahren zum Spielplatz der Indie-Rock-Szene, dann zu einem Zentrum für Craft-Bier, Dachterrassen mit Aussicht und Instagram-taugliche Cocktailbars. Doch selbst während sich das Viertel wandelte, haben kleine Bars mit Seele es geschafft, sich zu behaupten. „The Last Call“ ist eine davon – eine japanisch inspirierte Kneipe, die mit Intimität, Vinyl-Grooves und einem gewissen abgenutzten Charme punktet, der erfrischend im Kontrast zu den glänzenden Fassaden steht, die ringsum aus dem Boden schießen.

Öffnet man die Tür in der Berry Street, wird man nicht von einem Spektakel, sondern von Zurückhaltung empfangen. Holzvertäfelte Wände, gedämpftes Licht und eine leicht schräg über der Bar hängende Discokugel sorgen für die richtige Atmosphäre. Es wirkt weniger wie ein Konzeptlokal, sondern eher wie der Keller eines Freundes, der für die Öffentlichkeit umgestaltet wurde. Die Luft ist warm und duftet nach einfachen Gerichten im Izakaya-Stil – Gyoza, Curryreis und Brathähnchen, serviert ganz unkompliziert. Dies ist kein Ort, der laut um sich wirbt; es ist ein Ort, der einlädt.

Hinter der Bar dienen Vinylregale sowohl als Dekoration als auch als Statement. Ein Technics-Plattenspieler läuft vom frühen Abend bis zum Geschäftsschluss, während DJs seltene Perlen aus den Bereichen Funk, Disco, City-Pop und klassischem Hip-Hop auflegen. Die Soundanlage ist nicht extravagant – Vintage-JBLs gepaart mit analoger Verstärkung –, aber sie ist sorgfältig abgestimmt. Die Höhen sind nicht schrill, die Mitten setzen sich angenehm durch, und der Bass vibriert gerade so stark durch den Boden, dass man mitwippen kann, ohne über sein Getränk hinwegschreien zu müssen. Gemäß den „5 Rules of Sonic Excellence“ punktet „The Last Call“ am stärksten in den Bereichen klangliche Intention und Kuration: Hier ist Musik immer Teil des Charakters des Abends und niemals nur Hintergrundmusik.

Das Programm ist eher spielerisch gestaltet. Montags gibt es vielleicht einen Stapel sanfter Jazzplatten, während freitags oft Disco, Rare Groove oder japanischer Soul aufgelegt werden. An manchen Abenden kuratiert ein einzelner Barkeeper aus seiner persönlichen Sammlung; an anderen Abenden bringen Gast-DJs ihre Plattenkisten mit, um das Publikum zu überraschen. Nichts wird groß angekündigt – man entdeckt es im Moment, indem man einfach da ist und die Nacht auf sich wirken lässt. Es ist diese Spontaneität, die die Einheimischen immer wieder zurückkommen lässt.

Die Atmosphäre ist so demokratisch, wie es in Williamsburg nur sein kann. Stammgäste sitzen auf Barhockern und tauschen Geschichten mit Neuankömmlingen aus. Kreative aus der Nachbarschaft trinken ein Bier mit Leuten aus dem Gastronomiebereich, die gerade ihre Schicht beendet haben. Manchmal schlendern Touristen herein, neugierig auf den Namen oder angelockt vom gedämpften Klang der Schallplatten, der durch die Tür dringt, und bleiben schließlich stundenlang. Das „Last Call“ ist kein gezielt kuratierter Ort wie etwa Spiritland oder Public Records – es ist ein Treffpunkt, der seine Musik zufällig ernst nimmt.

Auch bei den Getränken gilt dasselbe Motto. Japanische Whiskys stehen Seite an Seite mit Brooklyn-Lagern. Highballs, Sake und Shochu werden ganz unkompliziert ausgeschenkt. Die Preise bleiben erfreulich moderat – ein weiterer Grund, warum die Bar bodenständig wirkt, während die Preise in Williamsburg anderswo in die Höhe schnellen. Das Essen ist ebenso schnörkellos und eher darauf ausgelegt, den nächtlichen Hunger zu stillen, als in den sozialen Medien Eindruck zu machen. Diese Bescheidenheit strahlt eine gewisse Geborgenheit aus und vermittelt das Gefühl, dass dieser Ort zum Leben geschaffen wurde – und nicht zum Branding.

Konsistenz, die letzte unserer klanglichen Regeln, entsteht nicht durch ausgefeilte Perfektion, sondern durch Atmosphäre. Ihr wisst, was euch hier erwartet: ein schwach beleuchteter Raum, Platten, die mit Liebe aufgelegt werden, Getränke, die mit Sorgfalt eingeschenkt werden, und ein Raum voller Menschen, die es nicht eilig haben, wieder zu gehen. Das ist eine ganz eigene Art von Verlässlichkeit.

Wenn man bei Geschäftsschluss auf die Berry Street tritt, pulsiert Williamsburg vor Widersprüchen – luxuriöse Eigentumswohnungen, die sich hell gegen die Skyline abheben, Graffiti, das noch immer an geschlossenen Ladenfronten klebt, Uber-Fahrzeuge, die neben Fahrrädern vorfahren. Doch in den Ohren bleibt die Wärme von Vinyl, das Lachen von Fremden und das Echo eines Disco-Hits, der in der Nacht verhallt. Das „Last Call“ strebt nicht danach, legendär zu sein. Es strebt danach, ein Ort zum Leben zu sein. Und in einer Stadt, die von Neuem besessen ist, könnte das seine größte Errungenschaft sein.


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