Der Palazzo, in dem der Klang Wände hat

Der Palazzo, in dem der Klang Wände hat

Von Rafi Mercer

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SUPERSENSE ist einer der außergewöhnlichsten Konzertorte Wiens – erfahren Sie mehr in unserem Leitfaden zu den Wiener Konzertorten.

Name des Veranstaltungsortes: SUPERSENSE
Adresse: Praterstraße 70, 1020 Wien, Österreich
Website: SUPERSENSE — Spaces
Instagram: @supersense
Telefon: +43 1 890 05 44

Es beginnt nicht mit Klang, sondern mit einem Gebäude. Man schreitet durch die Torbögen des Dogenhofs an der Wiener Praterstraße, einem Palazzo, der einer venezianischen Fantasie entsprungen zu sein scheint und sorgfältig in den zweiten Wiener Bezirk eingebettet wurde. In den 1890er Jahren als Hotel und Versammlungshaus erbaut, ist es ein Ort, an dem Architektur bereits wie Theater wirkt – eine Bühne, die für Stimmen, Gespräche und Musik geschaffen wurde. Die Fassade besticht durch rote Backsteine und kunstvolle Reliefs, doch sobald man die Schwelle überschreitet, verlangsamt sich der Rhythmus der Stadt, und eine Atmosphäre bewusster Stille breitet sich aus. Hier hat SUPERSENSE seinen Tempel für die analogen Künste errichtet – ein Druckatelier, ein Labor für Sofortbildfilme, ein Kaffeehaus, das gleichzeitig als Salon dient, und, ganz versteckt darin, eine der stillsten und radikalsten Hörbars Europas.

Das Wort „Bar“ wird dem Ganzen nicht gerecht. Bei SUPERSENSE geht es weniger um Getränke als „Schmiermittel“, sondern vielmehr um den Raum als Instrument. Die Räume selbst wurden so abgestimmt, als wären sie eine Stradivari – gewölbte Decken, die den Klang zur Entfaltung bringen, Holzvertäfelungen, die Geräusche dämpfen und dennoch Wärme ausstrahlen, bequeme Sitzgelegenheiten, die nicht in Reihen oder Gruppen angeordnet sind, sondern in einer Art demokratischem Amphitheater, in dem sich jeder Zuhörer in gleichem Abstand zur Klangquelle befindet. Hier kommt der Klang nicht auf einen zu; er durchdringt einen.

Im Mittelpunkt dieser Philosophie steht das System. SUPERSENSE hat sich mit Burmester zusammengetan, dem Berliner Unternehmen, dessen Tontechnik an das Sakrale grenzt. Die Installation ist nicht protzig, keine Wand aus blinkenden LEDs oder industriellen Lautsprechertürmen. Sie ist präzise, minimalistisch, anspruchsvoll – die Art von System, bei der ein einzelner, lang gehaltener Klavierton wie Rauch in der Luft schweben kann, dessen Form, Farbe und Dichte man nachverfolgen kann. Wer davor sitzt, versteht, warum Audiophile von „Wahrheit“ sprechen. Wenn die Nadel die Rille findet, befindet man sich nicht mehr in einem Konzertsaal, sondern mitten in der Aufnahme selbst.

Hier geht es nicht einfach nur um Klangtreue. SUPERSENSE hat Klang schon immer als materielle Kultur betrachtet, als etwas mit Gewicht, Textur und Beständigkeit. Ihre „Mastercut“-Reihe – Live-Aufnahmen, die direkt auf Schallplatte gepresst und im hauseigenen Vinyl-Atelier des Gebäudes hergestellt werden – ist Teil dieser Geschichte. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Raum, während ein Quartett direkt auf Lackplatte aufnimmt, ohne digitales Sicherheitsnetz, ohne zweite Takes – der Klang wird buchstäblich eine Etage höher in Wachs gemeißelt. Stunden später hält man diese Platte vielleicht schon in den Händen, noch warm, noch zerbrechlich, die Luft, die man selbst eingeatmet hat, in ihrer Oberfläche eingeschlossen. Wenn man sie unten in der Bar auf der makellosen Burmester-Anlage hört, schließt sich der Kreis: Musik, die unter einem Dach konzipiert, eingefangen und wiedergegeben wird – in einer Intimität, die den Kreis vollendet.

Wien war natürlich schon immer eine Stadt des Hörens. Mozart und Mahler, Schönberg und Strauss – ihr Erbe besteht aus Räumen, die ebenso sehr für die Ohren wie für die Augen konzipiert sind. Doch was SUPERSENSE erreicht, ist etwas ganz anderes. Es ist nicht die Pracht des Musikvereins oder die Strenge des Konzerthauses; es ist häuslich im Maßstab, klösterlich in der Disziplin. Die Beleuchtung ist gedämpft, die Gespräche werden leise geführt, und doch ist die Atmosphäre alles andere als streng. Hier herrscht eine Wärme, eine Verspieltheit, die vielleicht darauf zurückzuführen ist, dass SUPERSENSE neben seiner audiophilen Anlage und dem Gravurlabor auch Polaroid-Porträts, Letterpress-Plakate und handgefertigte Bücher produziert. Kreativität strahlt in analoger Form, und die Hörbar wirkt wie der Herzschlag, der das Ganze am Leben erhält.

Die Kuration ist genauso wichtig wie die Hardware. Die Abende hier werden nicht von Playlists oder Algorithmen bestimmt. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf der Erzählung – Sets, die aus ganzen Alben zusammengestellt sind, Abende, die vergessenen Sessions gewidmet sind, thematische Reisen, die äthiopischen Jazz mit moderner Wiener Elektronik verbinden oder eine Impulse!-Pressung aus den 1960er Jahren Seite an Seite mit einem zeitgenössischen Mastercut stellen. Die Kuratoren behandeln Schallplatten nicht als Verbrauchsgüter, sondern als Kapitel in einer Bibliothek, und das Publikum lernt, dem zu folgen. Die Zuhörer beugen sich vor, fahren mit den Fingern über die Cover-Texte und nicken fast unmerklich, wenn sie eine vertraute Melodie auf ungewohnten Geräten hören.

Von Klang in diesem Raum zu sprechen, bedeutet, von Geometrie zu sprechen. Die Hörner sind nicht darauf ausgerichtet, zu dröhnen, sondern zu atmen; die tiefen Frequenzen sind so geformt, dass sie Halt geben, ohne zu ertränken, während die Mitten wie Laternen am Nachthimmel schweben. Man nimmt den Raum zwischen den Instrumenten wahr, das negative Volumen, in dem Stille den Klang einrahmen darf. Eine mit Besen gespielte Snare wird nicht zu einem Schlag, sondern zu einer körnigen Oberfläche; eine Trompetennote breitet sich in konzentrischen Kreisen aus. Man spürt, wie sich der Luftdruck verändert, wenn eine Bassklarinette einsetzt. Selbst in der einfachsten Passage – wenn Bill Evans beispielsweise einen Akkord sanft streichelt – steht das Klavier nicht flach vor einem, sondern wölbt sich, krümmt sich und erstreckt sich in drei Dimensionen.

SUPERSENSE versteht, dass Zuhören ein Akt der Gemeinschaft ist. Die Sitzplätze sind nicht aufeinander, sondern auf den Klang ausgerichtet. Augenkontakt ist zweitrangig; das gemeinsame Eintauchen in die Musik steht im Vordergrund. Und doch sind die Gespräche nach dem Ende der Platte gerade deshalb reichhaltiger, herzlicher und nuancierter. Man spricht darüber, was man gehört hat, wie man sich dabei gefühlt hat und wie es im Vergleich zu der Platte war, die man selbst zu Hause besitzt. Der Veranstaltungsort wird so mehr als nur ein Raum – er wird zu einer gemeinsamen Hörplattform, einem Ort, an dem Fremde sich einig sein können, ohne jemals ein Wort zu wechseln.

Für Wien ist dies von großer Bedeutung. Die Stadt ist seit jeher an die Rituale ihrer Konzertsäle und Opernhäuser gebunden. SUPERSENSE bietet eine andere Liturgie: kleiner im Rahmen, modern in der Herangehensweise, aber ebenso andächtig. Es vermittelt einer jüngeren Generation, dass Zuhören weder passiv sein noch nur als Hintergrund dienen muss. Es kann ein Ritual sein, ja sogar ein Sakrament.

Die Getränkekarte erfüllt ihren Zweck – Weine, Craft-Biere, sorgfältig abgestimmte Cocktails –, steht jedoch nie im Vordergrund. Es geht um den Service, nicht um Spektakel. Die Gestaltung des Raums lädt zur Zurückhaltung ein: Man nippt an seinem Drink, man lauscht. Die Bar soll für eine angenehme Atmosphäre sorgen, nicht dominieren. In dieser Hinsicht bleibt SUPERSENSE den fünf Regeln klanglicher Exzellenz treu. Das Soundsystem wurde mit Liebe ausgewählt und präzise abgestimmt. Das Ziel ist eindeutig: Musik steht im Mittelpunkt, sie ist kein bloßer Hintergrund. Die Akustik verstärkt den Klang, anstatt ihn zu verzerren. Die Musikauswahl ist anspruchsvoll und einfallsreich. Und vor allem gilt dieser Standard jeden Abend, nicht nur zu besonderen Anlässen.

Es ist vielleicht keine Überraschung, dass internationale Künstler diesen Ort aufsuchen und dass Plattenlabels heimlich um seine Räumlichkeiten für Showcase-Abende werben. Bemerkenswert ist jedoch, wie unauffällig das Ganze wirkt. SUPERSENSE stellt seine Präsenz nicht zur Schau. Es gibt keine Leuchtreklamen, keine Samtseile. Man stößt zufällig darauf, betritt den Raum und ist plötzlich Teil von etwas viel Größerem: Wiens Vergangenheit trifft auf Wiens Zukunft in der Sprache des Klangs.

Gehen heißt, die Resonanz mit sich zu tragen. Die Praterstraße draußen wirkt nach einem Abend im Rückzugsort des Dogenhofs lauter, rauer, weniger nachsichtig. Doch die Erinnerung bleibt – an einen im Raum schwebenden Ton, an das stille Nicken eines Mithörers, an die eigentümliche Alchemie, durch die Wände zu Instrumenten werden. SUPERSENSE ist nicht nur ein Veranstaltungsort. Es ist eine Erinnerung daran, dass Musik im richtigen Raum aufhört, eine Darbietung oder ein Produkt zu sein. Sie wird zur Präsenz.


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