Die stille Autorität: Rhinoçéros und die Kunst der klanglichen Präzision in Berlin
Von Rafi Mercer
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Rhinoçéros ist eine der angesehensten Listening-Bars Berlins – mehr dazu erfährst du in unserem Leitfaden zu den Berliner Musiklokalen.
Name des Veranstaltungsortes: Rhinoçéros
Adresse: Rhinower Str. 3, 10437 Berlin, Deutschland
Website: rhinoceros-berlin.de
Telefon: +49 30 983 787 69
Spotify-Profil: k. A.
In Berlin mangelt es nicht an Orten, an denen man Musik hören kann – Keller, in denen man das Gefühl hat, die Basslinie würde einem die Rippen neu ordnen, Clubs, in denen der Sonnenaufgang nur ein weiterer Übergang ist. Doch versteckt im Prenzlauer Berg schlägt das Rhinoçéros ganz andere Töne an. Es ist ein Ort, an dem man Musik so hört, wie man einen Brief liest – aufmerksam, bewusst und indem man der Bedeutung erlaubt, sich in ihrem eigenen Tempo zu entfalten.
Von der Straße aus wirkt der Raum unscheinbar: eine blasse Fassade, eine schlichte Beschriftung, große Fenster, die kaum mehr als den Schimmer des gedämpften Lichts im Inneren preisgeben. Doch sobald man die Türschwelle überschreitet, wird klar, worum es hier geht. Zwei massive Altec Lansing A5 „Voice of the Theatre“-Lautsprecher dominieren das hintere Ende des Raums und flankieren eine DJ-Kabine, die gleichzeitig als Kommandozentrale für die Klangregie dient.
Rhinoçéros orientiert sich an den Traditionen japanischer „Kissaten“ und „Jazz Kissa“ – Bars, in denen das intensive Hörerlebnis im Mittelpunkt steht. Die Schallplatten sind hier keine Requisiten, sondern der eigentliche Sinn des Ganzen. Jedes Album wird bewusst ausgewählt, jedem Titel wird Raum zum Atmen gegeben. Sie werden nicht erleben, dass jemand einen Song mitten im Stück ausblendet, es sei denn, dies ist Teil eines wohlüberlegten Übergangs.
Der Klang besticht nicht durch seine Lautstärke, sondern durch seine Ausgewogenheit. Diese A5-Lautsprecher, die ursprünglich für Kinos entwickelt wurden, könnten eine stadionähnliche Präsenz entfalten, sind hier jedoch auf Intimität abgestimmt. Selbst am hinteren Tisch hört man dieselben üppigen Details wie an der Bar: schimmernde Becken, einen runden Bass, der nicht schwerfällig wirkt, und Mitten, die jede Bläserlinie klar und deutlich zur Geltung bringen.
Auch bei den Getränken gilt dasselbe Motto: eine kurze, präzise Karte mit einem klaren Schwerpunkt auf Whisky und Highballs, klassisch zubereitete Cocktails ohne Schnickschnack sowie eine kleine, aber sorgfältig zusammengestellte Weinkarte. Hier bestellt man nichts, um sich abzulenken, sondern um ganz im Hier und Jetzt zu bleiben.
Die Sitzgelegenheiten sind so angeordnet, dass jeder dem Klang zugewandt ist – Sofas, Sessel und Hocker sind so ausgerichtet, dass man den Kopf nicht drehen muss, um der Musik zu folgen. Das bedeutet, dass man auch dann noch Teil des Publikums ist, wenn man sich leise mit einem Freund unterhält.
An einem Novemberabend kam ich an und stellte fest, dass der DJ eine Reihe von Live-Aufnahmen von Bill Evans spielte, wobei jede Applauspause in das leise Klirren der Gläser im Raum überging. Von dort schwebte das Set weiter zu Abdullah Ibrahim und dann zu einer japanischen City-Pop-Platte aus den 1980er Jahren, die sich wie eine Postkarte aus einer völlig anderen Welt anfühlte. Niemand im Raum sprach lauter als flüsternd. Als der DJ die Platte umdrehte, schien der gesamte Raum in einem einzigen Atemzug innezuhalten.
Das „Rhinoçéros“ ist kein Ort, auf den man zufällig stößt – man kommt hierher, weil man davon gehört hat, weil man einen Abend erleben möchte, an dem das Handy in der Tasche bleibt und man sich ganz auf die Musik konzentriert.
Die Mitarbeiter kennen sich bestens mit ihrer Plattensammlung aus und empfehlen einem schnell ein Getränk, das zur Stimmung passt. Wenn man sie nach den Lautsprechern fragt, erzählen sie einem deren Geschichte – von den Kinos der Mitte des letzten Jahrhunderts bis hin zu dieser Ecke Berlins, wo sie nun ein ganz anderes Publikum bedienen.
Wenn man das Lokal verlässt, wirkt der Prenzlauer Berg plötzlich viel lebendiger, als hätte die Stille im „Rhinoçéros“ die Ohren für die Außenwelt geschärft. Die Straßenbahnen rattern, der Wind trägt Gesprächsfetzen herbei, und alles wirkt irgendwie inszeniert, als befände man sich noch immer in einem sorgfältig arrangierten Bühnenbild.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.
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