Eddie Henderson – Sunburst (1975): Licht durch den Groove

Eddie Henderson – Sunburst (1975): Licht durch den Groove

Eine Blue-Note-Platte, die deine Aufmerksamkeit nicht einfordert. Sie verdient sie sich geduldig, Takt für Takt.

Es gibt Alben, die wie Statements wirken, und dann gibt es solche, die sich wie das Wetter entfalten – sie wandeln sich, werden wärmer und offenbaren sich nach und nach im Laufe der Zeit. „Sunburst“ gehört zur zweiten Kategorie. Es verlangt nicht nach deiner Aufmerksamkeit. Es verdient sie sich geduldig, Takt für Takt.

Auf dem 1975 bei Blue Note Records erschienenen Album „Sunburst“ befindet sich Eddie Henderson an einem faszinierenden Schnittpunkt – irgendwo zwischen der spirituellen Tiefe des Jazz und der bodenständigen, rhythmischen Anziehungskraft des Funk. Es war eine Zeit, in der sich die Grenzen auflösten. Die Regeln der akustischen Reinheit waren bereits von Miles Davis und Herbie Hancocks „Head Hunters“ auf die Spitze getrieben worden, und Henderson reiht sich in diese Tradition ein – nicht als Nachahmer, sondern als stiller Gestalter seines eigenen Raums.

Was einem als Erstes auffällt, ist der Klang – nicht nur der Trompete, sondern der gesamten Platte. Er hat etwas Sanftes an sich, eine Art Abendrot. Die Arrangements wirken offen, fast schon luftig. Nichts wirkt überladen. Jedes Instrument scheint genau zu wissen, wie viel es sagen muss, und – was noch wichtiger ist – wann es sich zurücknehmen muss.

Stücke wie „Sunburst“ und „Prance On“ strahlen diesen unverkennbaren Optimismus der Mitte der 70er Jahre aus – groovig, aber niemals gehetzt. Die Rhythmusgruppe bewegt sich mit einer Art elastischer Selbstsicherheit und dehnt das Tempo gerade so weit, dass die Musik atmen kann. Man hört Anklänge an die breitere Szene – den Einfluss von Hancocks Headhunters, den nachklingenden Schatten von Davis’ elektrischer Phase –, doch Henderson jagt diesen Klängen nicht hinterher. Er verfeinert sie.

Hier zeigt sich eine Herangehensweise, die in direktem Zusammenhang mit dem steht, was Donald Byrd zur gleichen Zeit bei Blue Note tat – derselbe Instinkt für Atmosphäre statt Dichte, für Groove als Architektur statt Spektakel. Während Byrds „Places and Spaces“ den Eindruck nächtlicher Straßen vermittelte, wirkt „Sunburst“ wie Nachmittagslicht, das durch ein halb geöffnetes Fenster fällt. Verwandt, aber zu einer anderen Tageszeit angesiedelt.

Während andere voll und ganz auf die Dichte der Fusion setzten, behält „Sunburst“ klare Konturen bei. Die Trompetenlinien gleiten eher, als dass sie durchdringen. Die Tasten schimmern, anstatt zu dominieren. Selbst in seinen rhythmischsten Momenten wirkt das Album durchdacht, fast meditativ.

Und genau hier zeigt Sunburst seine wahre Stärke – es versteht etwas von Raum.

In einer Welt, die immer mehr an Fahrt gewann – musikalisch, kulturell, gesellschaftlich –, schuf Henderson ein Album, das sich der Hektik widersetzt. Es lädt dazu ein, zu verweilen. Sich auf den Groove einzulassen, anstatt ihm hinterherzujagen. Das ist keine Hintergrundmusik, aber sie drängt sich auch nicht in den Vordergrund. Sie befindet sich in jenem seltenen Mittelweg – Musik, die den Raum bereichert, ohne ihn zu überwältigen. Die Art von Album, für die die besten Hörbars geschaffen sind.

Beim wiederholten Hören fallen einem allmählich die Details auf. Die Art und Weise, wie eine Phrase etwas länger nachklingt als erwartet. Das subtile Zusammenspiel zwischen Tasteninstrumenten und Percussion. Die Art und Weise, wie Hendersons Trompete weniger wie ein Leitinstrument wirkt, sondern eher wie ein Wegweiser – der einen sanft durch die Komposition führt, anstatt einen mitzureißen.

Dieses Album lohnt es sich, immer wieder anzuhören.

Denn beim ersten Hören geht es um die Atmosphäre. Beim zweiten um die Struktur. Und spätestens beim dritten beginnt man, die Absicht des Albums zu verstehen – es will nicht beeindrucken, sondern nachhallen. Es gehört auf jede Liste von Alben, die zum intensiven Hören geschaffen sind – nicht, weil es Konzentration erfordert, sondern weil Konzentration alles offenbart, was es still in sich birgt.

In vielerlei Hinsicht wirkt „Sunburst“ wie ein Begleitstück zu einer ganz bestimmten Art von Moment. Das Licht des späten Nachmittags, das durch ein Fenster fällt. Eine Schallplatte, die ohne Unterbrechung läuft. Ein Raum, der nichts von dir verlangt außer deiner Anwesenheit.

Es geht nicht darum, die lauteste Stimme im Raum zu sein.

Es versucht, derjenige zu sein, bei dem du bleibst.


Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet „Sunburst“ von anderen Jazz-Fusion-Alben der 70er Jahre? Es setzt eher auf Weite und Zurückhaltung als auf Dichte und Virtuosität – und steht damit geistig eher Donald Byrds „Stepping into Tomorrow“ nahe als der härteren Fusion jener Zeit. Das Ergebnis ist ein eindringlicheres, luftigeres Hörerlebnis, das Geduld mehr belohnt als Unmittelbarkeit.

Ist dies ein guter Einstieg in das Werk von Eddie Henderson? Ja – es fängt seinen Ton, seine Phrasierung und seine musikalische Philosophie auf eine Weise ein, die zugänglich und zugleich äußerst raffiniert wirkt. Wenn man über Herbie Hancocks „Head Hunters“ oder „Man-Child“ – beides Alben aus derselben Blue-Note-Phase Mitte der 70er Jahre – zu diesem Album gelangt, wird sich „Sunburst“ wie der ruhigere Raum nebenan anfühlen.

In welcher Umgebung kommt dieses Album am besten zur Geltung? In ruhigen, besinnlichen Umgebungen – zum Beispiel am späten Nachmittag, bei Vinyl-Sessions oder in Momenten, in denen die Musik den Raum eher prägen als dominieren soll. Die eigene Hörecke zu Hause ist genau der richtige Rahmen dafür – leise Lautstärke, gute Lautsprecher, keine Unterbrechungen.

Was sollte ich mir nach „Sunburst“ anhören? Donald Byrd – „Places and Spaces“ für dieselbe Blue-Note-Atmosphäre der Mitte der 70er Jahre, allerdings mit mehr Groove. Herbie Hancock – „Man-Child“ für den elektrischen Funk derselben Ära. Miles Davis – „Kind of Blue“ für die tiefere Quelle, aus der all dies schöpft.

Wo kann ich solche Musik in guter Qualität hören? In jedem Raum, der auf Wärme und Klarheit im Mitteltonbereich ausgelegt ist. Der weltweite „Tracks & Tales“-Atlas der Hörbars umfasst über 50 Städte, in denen Platten wie diese den Raum bekommen, den sie verdienen.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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