Fred again.. — Actual Life (14. April – 17. Dezember 2020) (2021)

Fred again.. — Actual Life (14. April – 17. Dezember 2020) (2021)

Der Klang des modernen Lebens, das sich wieder daran erinnert, wie man fühlt

Von Rafi Mercer

Es gibt Alben, die man sorgfältig auswählt, und dann gibt es Alben, die irgendwie genau dann auftauchen, wenn man sie braucht. Ich weiß manchmal gar nicht, wie das passiert.

So kam mir dieser Morgen vor. Es war 5:21 Uhr morgens...

Keine großartige Suche. Keine intellektuelle Übung. Nur die stille Erkenntnis, dass etwas in mir wieder Leichtigkeit brauchte. Kein oberflächliches Glück. Etwas Wärmeres als das. Etwas Menschliches. Also habe ich „Actual Life“ (14. April – 17. Dezember 2020) aufgelegt und laufen lassen.

Was mir als Erstes auffiel, war, wie lebendig es wirkt. Nicht auf eine gekünstelte Art und Weise, sondern wirklich lebendig.

Im Hintergrund der Samples hört man Handys summen. Halb mitgehörte Atemzüge. Stimmen, die zu nah am Mikrofon aufgenommen wurden. Gesprächsfetzen, die so klingen, als wären sie aufgezeichnet worden, bevor jemandem bewusst wurde, wie wichtig sie waren. Das gesamte Album verläuft wie eine Erinnerung – an den Rändern verschwommen, eher emotional als logisch.

Und vielleicht ist das der Grund, warum es einen so tief berührt.

Das moderne Leben ist fragmentiert. Wir leben in Tabs und Fenstern, in Sprachnotizen und halbfertigen Gedanken. Die meiste Musik versucht entweder, dieser Realität zu entfliehen oder sie zu überwältigen. Fred again.. schafft etwas Schwierigeres: Er verwandelt die Fragmentierung selbst in Wärme.

Als ich es heute Morgen hörte, wurde mir klar, dass das Album voller kleiner Momente emotionaler Erlösung ist.

Bei „Marea“ (We’ve Lost Dancing) wirkt der mittlerweile berühmte Text über den Verlust von Tanzflächen und gemeinsamen Momenten ganz anders, wenn man ihn leise hört. Hinter dem Rhythmus verbirgt sich zwar Trauer, aber auch Dankbarkeit. Eine Erinnerung daran, dass der Verlust von Dingen nur deshalb wehtut, weil sie einem überhaupt wichtig waren.

Diese emotionale Ehrlichkeit ist heutzutage selten.

So viel moderne Kultur verbirgt sich hinter Ironie oder Distanz. Freds Musik tut das nicht. Sie wendet sich den Menschen zu, anstatt sich von ihnen abzuwenden. Das hört man in Stücken wie „Julia (Deep Diving)“ und „Kyle (I Found You)“, in denen sich Wiederholungen nicht mehr mechanisch anhören, sondern tröstlich – so, als würde jemand einen wichtigen Gedanken in seinem Kopf immer wieder durchspielen, bis er schließlich daran glaubt.

Das Seltsame daran ist, dass es sich zwar zweifellos um elektronische Musik handelt, sie aber selten kalt wirkt.

Das Schlagzeug bewegt sich im lockeren Swing des UK Garage. Die Pausen zwischen den Klängen wirken manchmal fast wie Ambient. Es gibt Momente, in denen die Stadt in die Musik selbst einzudringen scheint – fernes Geschwätz, eine verschwommene Atmosphäre, emotionale Spuren von Zügen, Wohnungen, Straßen, Ausgehabenden und dem Morgen danach. Wenn man über Kopfhörer zuhört, kann es sich so anfühlen, als würden sich die Außenwelt und die eigene Innenwelt für einen kurzen Moment mit derselben Geschwindigkeit bewegen.

Dieses Gefühl hat mich den ganzen Tag begleitet.

Ich musste darüber nachdenken, wie bestimmte Alben nicht nur eine Stunde lang den Soundtrack zum eigenen Leben bilden – sie gestalten auch die Beziehung zum Tag selbst neu. Sie glätten die Ecken und Kanten der Dinge. Sie lassen gewöhnliche Momente für einen kurzen Moment wieder wie im Film wirken. Aus dem Fenster eines Cafés schauen. Durch einen Bahnhof gehen. Allein mit einem Kaffee dasitzen, während sich um einen herum Menschen bewegen, die ihre eigenen unsichtbaren Welten mit sich tragen.

„Actual Life“ macht deutlich, dass moderne Einsamkeit nicht immer dramatisch ist. Oft ist sie subtil. Still. Funktional. Und gerade deshalb wirkt der Optimismus des Albums niemals aufgesetzt.

Das ist wichtig.

Das ist keine naive Musik, die so tut, als sei das Leben perfekt. Es ist hoffnungsvolle Musik, geschaffen von jemandem, der genau darauf achtet, wie zerbrechlich Menschen eigentlich sind. Die Freude entsteht aus der Anerkennung, nicht aus der Verleugnung.

Und vielleicht erklärt das, warum das Album weltweit so großen Anklang gefunden hat.

Die Menschen hören darin nicht einfach nur sich selbst. Sie hören ihre Freunde. Ihre Erinnerungen. Ihre nächtlichen Sprachnachrichten. Ihre Zugfahrten. Ihre Beziehungen. Ihre kleinen Momente des Überlebens. Fred ist es gelungen, elektronische Musik zu schaffen, die sich zutiefst sozial anfühlt, selbst wenn man sie alleine hört.

Am Nachmittag wurde mir klar, dass die Platte meine Stimmung ganz unbemerkt völlig verändert hatte.

Nicht durch Intensität. Sondern durch Sanftheit.

Das ist vielleicht die eigentliche Leistung von „Actual Life“. Die Serie erinnert daran, dass emotionale Offenheit nach wie vor möglich ist. Dass die Menschen trotz aller Hektik, des Lärms und des endlosen Scrollens immer noch nach Aufrichtigkeit suchen. Sie sehnen sich nach Verbundenheit. Sie sehnen sich nach Momenten, die sich so echt anfühlen, dass man sie festhalten möchte.

Und vielleicht ist das der Grund, warum dieses Album gerade jetzt so wichtig ist.

Denn hinter all der Inszenierung, dem Rhythmus und der modernen Struktur verbirgt sich eine sehr alte menschliche Erkenntnis: dass selbst zerrissene Leben noch Schönheit bergen können, wenn wir nur genau genug hinschauen.

Und ich finde es toll.

- Rafi


Kurze Fragen

Was unterscheidet „Actual Life “ von den meisten elektronischen Alben?

Es ist diese emotionale Nähe. Fred again.. baut seine Tracks aus echten Sprachnotizen, Gesprächen und Alltagsfragmenten auf, wodurch die Musik sehr menschlich wirkt und nicht rein auf den Club ausgerichtet ist.

Warum hat das Album weltweit so großen Anklang gefunden?

Weil es die emotionale Atmosphäre des modernen Lebens – Isolation, Erinnerung, Freundschaft, Hoffnung, Sehnsucht – auf eine Weise eingefangen hat, die während und nach dem Jahr 2020 ehrlich und nachvollziehbar wirkte.

Wie wirkt das Album beim Hören auf einen?

Warm, nachdenklich, aufbauend und auf seltsame Weise persönlich. Oft hat man weniger das Gefühl, Lieder zu hören, sondern eher, in Echtzeit durch die emotionalen Erinnerungen einer anderen Person zu wandern.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn euch dieses Album anspricht, könnte euch auch der Beitrag „Fred again.. & Brian Eno – Secret Life“ interessieren, oder ihr könnt den Faden mit „USB: Das Album, das einfach nicht enden will“ weiterverfolgen.

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