Galliano – Halfway Somewhere Expanded (1997)
Von Rafi Mercer
Manche Bands kehren wie Echos zurück; Galliano kehren wie ein Atemzug zurück.„
Halfway Somewhere (Expanded)“ ist keine Nostalgiereise – es ist eine Fortsetzung. Nach mehr als zwei Jahrzehnten der Stille kehrten sie nicht zurück, um ihren Sound wieder aufleben zu lassen, sondern um uns daran zu erinnern, dass Groove, wenn er mit Sorgfalt aufgebaut wird, nie wirklich verschwindet.
Wenn man jetzt zuhört, spürt man die vergangene Zeit – nicht als Distanz, sondern als Tiefe. Die Kanten sind weicher geworden, der Raum zwischen den Noten hat sich erweitert. Darin liegt eine Ruhe, eine Selbstsicherheit, die nur von Menschen ausgeht, die lange genug im Rhythmus gelebt haben, um nicht mehr hinter ihm herzulaufen.
Galliano haben sich schon immer von ihren Kollegen abgehoben. Ihr Stil war nicht einfach nur Acid Jazz, sie waren dessen Gewissen – Musiker, für die der Groove sowohl Ritual als auch Befreiung war. Im Jahr 2024 klingen sie leichter und freier, bleiben aber dennoch derselben Überzeugung treu: dass der Rhythmus der Ort ist, an dem wir zusammenkommen und an dem wir Heilung finden.
Der Eröffnungstrack „Halfway Somewhere“ gibt den Ton wunderbar vor – mit Besen gespielte Percussion, Kontrabass und diese unverwechselbare Stimme von Rob Gallagher, halb gesprochen, halb gesungen, immer noch nachdenklich, immer noch die Welt aus einer Ecke des Raums beobachtend. Die Phrasierung ist jetzt langsamer, bedächtiger. Er predigt nicht mehr, er reflektiert. Es ist weniger Predigt, mehr Gespräch.
Dann erklingt „Heavenly (2024 Mix)“ – eher eine Neuinterpretation als ein Remix. Die Bläser gleiten geduldig dahin, die Tasten schimmern wie Staub im Licht. Man spürt fast die Atmosphäre im Studio, die Wärme der Musiker, die genau wissen, wann sie Raum lassen müssen. Der Groove atmet.
Das Bemerkenswerte an „Halfway Somewhere (Expanded) “ ist, wie zeitgemäß es wirkt, ohne der Modernität hinterherzulaufen. Die Produktion ist detailreich, aber ohne Eile – der Bass klingt rund und menschlich, das Schlagzeug trocken und lebendig, der Mix warm, aber offen. Es ist analoger Soul in einer digitalen Welt, aufgenommen mit einer Zurückhaltung, die sich heute geradezu radikal anfühlt.
Man spürt, dass Galliano nichts zu beweisen haben. Ihre gesamte Karriere über bewegten sie sich immer irgendwo auf halbem Weg – zwischen Jazz und Funk, London und der Welt, Politik und Poesie. Dieses neue Kapitel löst diese Spannung nicht auf, sondern würdigt sie. Jeder Track wirkt wie eine Akzeptanz dessen, wo sie gewesen sind und wo sie noch immer stehen.
„Run“, einer der neuen Titel, könnte das Herzstück des Albums sein – eine sich wiederholende Basslinie, Rhodes-Akkorde, sanft wie Nebel, und Gallagher, der mit diesem leicht schmunzelnden Tonfall über Bewegung und Bedeutung sinniert. Die Botschaft scheint einfach: Mach weiter, bleib in Bewegung, hör weiter zu. Es ist der Klang der Reife, die sich ihr Staunen bewahrt hat.
Mit einer guten Anlage ist die Klangbühne einfach großartig – das Schlagzeug klingt nah, der Bass schreitet gemächlich voran, die Bläser entfalten sich im mittleren Klangbereich. Überall ist Raum, aber nichts wirkt leer. Es ist die Art von Mix, die eher für Hörräume als für Playlists konzipiert ist – geschaffen für Menschen, die Musik noch immer als eine Art Umgebung betrachten.
Das Ganze ist sogar mit einer Prise Humor durchzogen. „Slight Detour“ beginnt mit einem Sample, das wie ein Fehlstart klingt – Gelächter, ein Einzählen – und gleitet dann nahtlos in den perfekten Groove über. Das ist Gallianos Art zu sagen, dass auch Umwege Groove haben können.
Und vielleicht ist es genau das, was dieses Album so besonders macht. Es versucht nicht, das Jahr 1994 nachzubilden, sondern lebt ganz und gar im Jahr 2024. Der Sound ist klarer, aber der Geist ist derselbe – Optimismus, gemildert durch Weisheit, Energie, geprägt von der Zeit. Es ist Protest, der geduldig geworden ist, Freude, die zum Nachdenken anregt.
Wenn der letzte Titel ausklingt, verspürt man jene stille Zufriedenheit, die nur bestimmte Alben hinterlassen – keine Hochstimmung, sondern Ausgeglichenheit. Man erkennt, dass es beim Titel gar nicht um Unentschlossenheit geht, sondern um Präsenz. Auf halbem Weg irgendwo zu sein, ist genau der Ort, an dem man sein soll.
Galliano sind nicht zurückgekommen, um uns daran zu erinnern, wer sie einmal waren. Sie sind zurückgekehrt, um uns zu zeigen, wie Durchhaltevermögen klingt, wenn es erwachsen wird.
Es ist die Art von Platte, die zur Abenddämmerung passt – genau wie die Stille, die man imSpiritland in London vorfindet.
Und es klingt wunderschön.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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