John Prine – The Tree of Forgiveness (2018)

John Prine – The Tree of Forgiveness (2018)

Wirst du lange genug bleiben, um zuzuhören?

Von Rafi Mercer

Im Leben mancher Künstler kommt irgendwann der Punkt, an dem die Bühne in den Hintergrund tritt.

Nicht die Musik. Nicht das handwerkliche Können. Das Bedürfnis, euch zu beeindrucken. Das Bedürfnis, am Puls der Zeit zu bleiben. Das Bedürfnis, zu beweisen, dass sie noch immer dazugehören.

Was danach übrig bleibt, ist etwas viel Selteneres: die Wahrheit.

Als John Prine 2018 „The Tree of Forgiveness“ veröffentlichte, hatte er bereits mehrere Leben in einer einzigen Stimme durchlebt. Der junge Postbote aus Illinois, der einst mit Notizbüchern voller Beobachtungen in die Folk-Clubs von Chicago strömte, war längst zu einem der angesehensten Songwriter Amerikas geworden – still bewundert von allen, von Bob Dylan bis Johnny Cash, der Lieder schrieb, die nie um Aufmerksamkeit schrien, doch irgendwie zu ständigen Begleitern im Leben der Menschen wurden.

Und dann veränderte das Leben selbst das Instrument.

Der Krebs veränderte seine Stimme. Das Alter ließ sie weiter verwittern. Die Zeit nahm ihr jegliche Geschmeidigkeit. Was übrig blieb, waren Rauheit, Atem, Gebrechlichkeit, Menschlichkeit. Auf „The Tree of Forgiveness“ hört man all das.

Hier gibt es kein Versteck. Keine überladene Produktion. Keine moderne Hektik. Nur Gitarren, Weite, zurückhaltende Arrangements und ein Mann, der versucht, dir zu erzählen, was er gelernt hat, bevor das Abendlicht ganz verschwindet.

In der modernen Kultur wird das Zuhören oft als passive Tätigkeit betrachtet – als Hintergrundgeräusch, als etwas, das man nebenbei wahrnimmt, während das Leben anderswo weitergeht. Doch dieses Album stellt eine schwierigere und unendlich lohnendere Frage: Wirst du lange genug bleiben, um einem anderen Menschen wirklich zuzuhören?

Diese Frage schwebt über dem gesamten Dossier.

„Summer’s End“ ist vielleicht der emotionale Mittelpunkt des Ganzen. Der Song entwickelt musikalisch kaum Dynamik, hat aber dennoch enormes Gewicht. Wenn Prine leise wiederholt: „Komm nach Hause, du musst nicht allein sein“, fühlt es sich nicht mehr wie Songwriting an, sondern wie eine Erkenntnis. Je älter man wird, desto erstaunlicher werden einfache Zeilen. Denn einfach ist nicht gleich leicht. Einfach bedeutet, dass jedes Wort wahr sein muss.

Diese Zeile fand auch ihren Weg zu einer anderen Generation. Im Jahr 2023 samplten Fred Again.. und Brian Eno „Summer’s End“ für „Come On Home“, einen Titel auf ihrem Album „Secret Life“ – und schufen so eine atmosphärische, schwerelose Klangwelt um Prines Stimme herum, in der dieselben Worte durch eine völlig andere Klangarchitektur schweben. Es spricht für die Tiefe des Originals, dass es eine solche Übertragung so vollständig überstehen konnte. Falls ihr noch nicht gehört habt, was Fred und Eno daraus gemacht haben, ist der „Secret Life “-Essay ein guter Einstieg. Für das breitere Spektrum, in dem sich Fred Again.. bewegt, geht der USB-Essay noch tiefer.

Das war schon immer Prines Gabe. Er verstand das alltägliche Leben so tief, dass er es heilig machte, ohne es in Theater zu verwandeln. Seine Lieder sind voller alter Menschen, übersehener Menschen, müder Menschen, lustiger Menschen, unvollkommener Menschen – jener Art von Menschen, an denen das moderne Leben viel zu schnell vorbeirauscht. Er hat sie trotzdem gesehen.

Diese Wärme spürt man in „When I Get to Heaven“, einem Lied, das die Sterblichkeit in Witz, Akzeptanz und sogar Freude verwandelt. Ein anderer Künstler hätte den Tod vielleicht mit Erhabenheit thematisiert. Prine hingegen begegnet ihm mit Humor und Neugier – er möchte eine neun Meilen lange Zigarette rauchen und Gott die Hand schütteln, wenn er dort ankommt. Beim ersten Hören ist es lustig. Später wirkt es dann still und tief bewegend. Hinter dem Humor verbirgt sich ein Mann, der seinen Frieden mit der Vergänglichkeit aller Dinge geschlossen hat.

Diese Akzeptanz zieht sich durch das gesamte Album. Selbst der Titel wirkt aufschlussreich, wenn man sich lange genug damit beschäftigt.

Der Baum der Vergebung. Nicht Ehrgeiz. Nicht das Vermächtnis. Nicht die Jugend. Vergebung. Das Gefühl, dass Prine das andere Ende seines Strebens erreicht und dort etwas Ruhigeres vorgefunden hatte.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass dieses Album das erfolgreichste seiner gesamten Karriere wurde. Fast fünfzig Jahre, nachdem er angefangen hatte, Songs zu schreiben, hielt die Welt endlich lange genug inne, um ihm wirklich zuzuhören. Vielleicht sagt das doch etwas Hoffnungsvolles über die Menschen aus. Trotz all des Lärms suchen die meisten von uns immer noch nach Stimmen, die echt klingen.

John Prine hat es getan.


Wer war John Prine?

Ein US-amerikanischer Singer-Songwriter, der weithin als einer der größten Texter seiner Generation gilt und dafür bekannt ist, Humor, Zärtlichkeit und Alltagsbeobachtungen in zutiefst menschliche Lieder zu verweben.

Warum genießt der Baum der Vergebung so großes Ansehen?

Weil es emotional authentisch wirkt. Das Album, das gegen Ende von Prines Leben nach einer Krankheit und jahrzehntelanger Lebenserfahrung aufgenommen wurde, strahlt ein seltenes Gefühl von Akzeptanz, Wärme und Aufrichtigkeit aus.

Was macht dieses Album auch heute noch zu einem besonderen Hörerlebnis?

Seine Zurückhaltung. Das Album bittet um Aufmerksamkeit, anstatt sie einzufordern, und belohnt Hörer, die bereit sind, einen Gang herunterzuschalten und sich die Geschichten in Ruhe anzuhören.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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Die Zahl der Gründungsmitglieder ist weltweit auf 200 begrenzt. Der „Tracks & Tales Listening Club“ richtet sich an alle, die verstehen, dass Zuhören kein Hintergrundgeräusch ist, sondern dass es darum geht, ganz bei der Sache zu sein.

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