Aberlour A’Bunadh – Sherry in voller Kraft
Von Rafi Mercer
Manche Whiskys flüstern; der Aberlour A’Bunadh brüllt. Das ist Speyside – ungefiltert, unverdünnt, kompromisslos – eine Sherry-Bombe in Fassstärke, die weltweit eine Kult-Anhängerschaft gewonnen hat. „A’Bunadh“ bedeutet auf Gälisch „vom Ursprung“, und genau das verkörpert dieser Whisky: eine Rückbesinnung auf die alte Art der Abfüllung, direkt aus dem Fass, ohne Verdünnung, ohne Kompromisse. Jede Charge wird in natürlicher Stärke abgefüllt, meist bei etwa 60 % vol., und entfaltet eine Intensität, die den Raum erfüllt.
Die Geschichte von Aberlour beginnt im Jahr 1879 in dem kleinen Dorf Charlestown of Aberlour, wo Gründer James Fleming seine Brennerei unter dem Motto „Let the Deed Show“ gründete . Im Laufe der Jahre wurde Aberlour für die Reifung in Sherryfässern bekannt, insbesondere in Oloroso-Fässern. Der A’Bunadh wurde in den 1990er Jahren eingeführt und erlangte schnell legendären Status. Er wurde von einer in der Brennerei entdeckten Flasche aus dem späten 19. Jahrhundert inspiriert, und seine Schöpfer wollten diesen unverfälschten, vollmundigen Stil wiederbeleben.
Im Glas präsentiert sich A’Bunadh in dunklem Mahagoni. Die Nase sprudelt vor Rosinen, Feigen, Schwarzkirschen, dunkler Schokolade und Gewürzen. Am Gaumen ist er gewaltig: Obstkuchen, Toffee, Espresso, Orangenschale, Nelken, Zimt. Die Fassstärke verstärkt alles – Schärfe, Geschmack, Körper. Durch die Zugabe von Wasser lässt er sich öffnen und offenbart weichere Noten von Honig und Mandeln, doch pur ist er beeindruckend. Der Abgang ist lang, trocken und von Eiche und Gewürzen durchdrungen. Dies ist kein Whisky, der in den Hintergrund tritt. Er ist ein Whisky, der ein Statement setzt.
Seinen Platz im „Tracks & Tales Guide to the Top 50 Whiskies“ hat er sich nicht durch Subtilität, sondern durch Wucht gesichert. So wie manche Alben dazu da sind, einen Raum mit Atmosphäre zu füllen, gibt es andere, die ihn durchrütteln. Aberlour A’Bunadh gehört zu Letzteren – er ist das Whisky-Äquivalent dazu, die Lautstärke aufzudrehen und den Bass durch die Dielen dröhnen zu lassen.
Der musikalische Zwilling hier ist Lee „Scratch“ Perrys „Super Ape“. Das 1976 erschienene Album ist Dub in seiner kosmischsten und ungezügeltesten Form, wobei Perry den Klang selbst in einen psychedelischen Spielplatz aus Echo und Hall verwandelt. Wie bei „A’Bunadh“ dreht sich auch bei „Super Ape“ alles um Exzess und Experimentierfreude, darum, die Form so weit zu treiben, bis sie fast schon surreal wird. Die Basslinien ragen gewaltig empor, die Rhythmen verzerren sich, Stimmen und Effekte schweben wie Rauch herein und wieder hinaus. Sowohl beim Whisky als auch beim Album geht es um das Eintauchen, um Intensität, die so weit getrieben wird, bis sie transformativ wirkt.
Stellt euch die Atmosphäre in einer Listening-Bar vor: Der Eröffnungsgroove von „Zion’s Blood“ erfüllt den Raum, der Bass lässt die Wände beben. Ein Glas A’Bunadh in der Hand verstärkt das Erlebnis – Hitze, Schwere, Dichte. Während sich die Platte immer tiefer in den Dub-Raum hineinbewegt, verschieben sich die Geschmacksnuancen des Whiskys und offenbaren Süße unter der Schärfe, genauso wie Perrys Produktion Verspieltheit unter dem Donner offenbart. Bei keinem der beiden Erlebnisse geht es um Ausgewogenheit; bei beiden geht es um das Sich-Hingeben.
Aberlour A’Bunadh ist nicht jedermanns Sache. Seine Stärke ist einschüchternd, seine Fülle überwältigend. Doch für diejenigen, die ihn lieben, kommt nichts anderes in Frage. Er beweist, dass Whisky, genau wie Musik, nicht immer zurückhaltend sein muss. Manchmal sollte er laut, intensiv und unvergesslich sein.
Und vielleicht ist das der nächste Schritt: ihn nicht nur zu Hause im Glas zu genießen, sondern in einer Bar, in der die Bassline wie Donner grollt und in den Regalen Flaschen stehen, die für den großen Auftritt gemacht sind. Denn A’Bunadh entfaltet, genau wie Super Ape, seine volle Kraft nicht im Alleingang, sondern in einem Raum, in dem Klang, Geist und Menschen aufeinanderprallen.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.