GlenDronach 15 „Revival“ – Die Sherry-Kathedrale
Von Rafi Mercer
Manche Whiskys schimmern wie Buntglas – voller Fülle und Tiefe. Der GlenDronach 15 „Revival“ ist einer davon. Er ist durch und durch ein Speyside-Whisky, aber nicht der leichte, blumige Speyside, mit dem Einsteiger oft bekannt gemacht werden. Vielmehr ist dies ein Speyside in seiner dunkelsten und vollmundigsten Form, gereift in Sherryfässern, die ihm die Tiefe eines Obstkuchens, eine samtige Textur und eine fast kirchliche Erhabenheit verleihen.
Die 1826 gegründete GlenDronach-Brennerei wird seit langem von Liebhabern von Sherry-Malts geschätzt. Während sich die Trends in der Whiskywelt gewandelt haben, ist GlenDronach der Kraft der spanischen Eiche und des Likörweins treu geblieben. Der 15-jährige „Revival“ blickt auf eine bewegte Geschichte zurück – 2015 wurde er aus dem Sortiment genommen, 2018 dann wieder aufgelegt –, doch sein Platz in den Herzen der Whiskytrinker ist unerschütterlich geblieben. Für viele ist er der Inbegriff eines Sherry-Malts, ein Whisky, der diesen Stil prägt.
Im Glas präsentiert sich der Whisky in einem tiefen Mahagoniton. In der Nase entfalten sich zunächst Noten von Rosinen, Feigen und Datteln, unterlegt mit dunkler Schokolade, Walnuss und einem Hauch von Nelke. Am Gaumen ist er üppig: reichhaltiger Früchtekuchen, kandierte Orange, Melasse und Espresso, abgerundet durch einen Hauch von Zimt und Muskatnuss. Das Mundgefühl ist voll und samtig und umhüllt die Zunge, ohne schwer zu wirken. Der Abgang ist lang und wärmend und trägt Anklänge von Trockenfrüchten und Eichenwürze in sich, wie der nachhallende Klang einer Kirchenorgel.
Was den GlenDronach 15 so besonders macht, ist nicht nur sein Geschmack, sondern auch das besondere Gefühl, das er vermittelt. Es ist ein Whisky, der den Raum verwandelt, die Gespräche verlangsamt und die Atmosphäre vertieft. Deshalb gehört er in den „Tracks & Tales Guide to the Top 50 Whiskies“: Er ist eine Lektion in Sachen Fülle und zeigt, wie Reifung und Holz eine Spirituose in ein architektonisches Meisterwerk verwandeln können.
Sein musikalisches Pendant ist Stevie Wonders „Innervisions“. Das 1973 erschienene Album ist voller Fülle und Tiefe – nicht nur klanglich, sondern auch inhaltlich. Wonder hat Funk, Jazz und Soul in das Album einfließen lassen und dabei auch Themen wie Politik, Spiritualität und Visionen angesprochen. So wie der GlenDronach 15 die Süße der Früchte aufgreift und sie zu etwas Tiefgründigem vertieft, so nimmt „Innervisions“ den Groove auf und erweitert ihn zu einem Statement. Songs wie „Living for the City“ und „Higher Ground“ strahlen Energie aus, aber sie vermitteln auch Wahrheit.
In einer Listening-Bar kommt diese Kombination besonders gut zur Geltung. Gießen Sie sich einen Schluck GlenDronach 15 ein, sobald das Clavinet-Riff von „Higher Ground“ einsetzt – die dunkle Süße des Whiskys spiegelt den Puls des Funk wider. Wenn dann „Visions“ erklingt, sanft und nachdenklich, hat sich der Whisky in seinem langen Abgang eingependelt, und Frucht und Eiche verschmelzen wie Akkorde, die in die Stille verklingen. Sowohl der Whisky als auch das Album sind ein umfassendes Erlebnis – sie füllen den Raum, laden zum Verweilen ein und hinterlassen einen veränderten Eindruck.
Beim GlenDronach 15 geht es nicht um Feinheit. Es geht um Fülle. Er zeigt, was passiert, wenn man Spirituose und Holz Zeit und Geduld gönnt, wenn man kompromisslos nach Fülle strebt. Für alle, die ihre eigenen Hörrituale gestalten, ist er eine Erinnerung daran: Manchmal verlangt der Moment nach Erhabenheit, nach einem Whisky, der einen in Samt hüllt, und nach Platten, die mit Autorität sprechen.
Und vielleicht besteht der nächste Schritt darin, ihn am richtigen Ort zu suchen – in einer Bar mit tiefen Ledersesseln, Regalen voller Sherry-Malts und Lautsprechern, aus denen der Groove von Stevie Wonder in die Nacht hallt. Denn Whisky wie dieser ist nicht nur zum Verkosten da; man soll ihn erleben, damit seine Fülle sowohl die Luft als auch das Glas erfüllt.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.