Springbank 10 – Erde und Salz im Gleichgewicht

Von Rafi Mercer

Der Springbank 10 zeichnet sich durch eine raue Ehrlichkeit aus. Er gibt sich weder geschliffen noch glamourös, sondern spricht die Sprache der Erde, des Salzes und des Öls. In Campbeltown, einst das schlagende Herz der schottischen Whiskyindustrie, gibt es heute nur noch eine Handvoll Brennereien. Unter ihnen hat sich Springbank zu einem Kultnamen entwickelt, der von Kennern wegen seiner traditionellen Methoden und seiner unnachgiebigen Unabhängigkeit geschätzt wird. Seine 10-jährige Abfüllung ist kein Einsteigermischgetränk im Marketing-Sinne – sie ist das Fundament, das verdeutlicht, wofür Campbeltown noch immer steht.

Springbank wurde 1828 gegründet und befindet sich nach wie vor in Familienbesitz. Es ist eine der wenigen Brennereien in Schottland, die jeden Schritt der Produktion vor Ort durchführt: Mälzen, Destillieren, Reifung und Abfüllung. Das Ergebnis ist ein Whisky mit einzigartigem Geschmack, der eher von Handwerkskunst als von Kompromissen geprägt ist. Der 10-Jährige ist oft der Einstieg, aber er ist kein sanfter Handschlag. Es ist ein Whisky, der Aufmerksamkeit verlangt, erdig und maritim, mit Anklängen an die Seefahrervergangenheit der Stadt.

Im Glas schimmert der Springbank 10 bernsteingold. In der Nase entfalten sich Noten von Salzlake, Malz, feuchter Erde und einem Hauch von Motoröl, der zu seinem Markenzeichen geworden ist. Nimmt man einen Schluck, entfaltet sich der Whisky: zunächst süßes Malz und Frucht, dann Salz, Pfeffer, Rauch und eine unverwechselbare ölige Textur, die am Gaumen haften bleibt. Der Abgang ist lang, leicht trocken, mit einem Nachklang von Salz und Gewürzen, der sich elementar anfühlt. Es ist ein Whisky, der nichts vortäuscht; er vermittelt die Wahrheit von Campbeltown.

Der Stil von Springbank polarisiert – manche empfinden die Öligkeit als seltsam, andere finden sie geradezu süchtig machend. Doch im „Tracks & Tales Guide to the Top 50 Whiskies“ ist genau diese Einzigartigkeit der Grund, warum er dort seinen Platz hat. Bei Whisky geht es nicht nur um Eleganz, sondern um Charakter. Springbank hat Charakter im Überfluss und führt eine Tradition fort, die einst eine ganze Region geprägt hat.

Die musikalische Entsprechung dazu ist Mulatu Astatkes „Ethiopian Jazz Volume 4“. Wie Springbank ist auch dieses Album unverwechselbar, in seiner Heimat verwurzelt und dennoch von globalem Einfluss geprägt. Astatkes Ethio-Jazz verbindet traditionelle äthiopische Tonleitern mit Jazzstrukturen und Improvisation und schafft so einen Klang, der sich zugleich verwurzelt und experimentell anfühlt. Lauscht man den hypnotischen Grooves und den modalen Saxophonlinien, hört man etwas Erdiges, Wiederholendes, Eindringliches – Musik, die sich elementar anfühlt, als wäre sie der Nacht selbst entnommen. Der Springbank 10 trinkt sich ganz ähnlich: direkt, geerdet, unvergesslich.

In einer Listening-Bar ist diese Kombination einfach unwiderstehlich. Schenken Sie einen Springbank 10 ein und lassen Sie Astatkes Band spielen: Die salzigen und öligen Noten des Whiskys bilden einen Kontrast zu den wogenden, sich wiederholenden Rhythmen der Musik. Beide haben eine Textur, die man fast greifen kann. Beide offenbaren neue Tiefen, je länger man sich mit ihnen beschäftigt. Sie streben nicht nach Geschmeidigkeit, sondern nach Wahrheit.

Der Springbank 10 ist kein Whisky für Anfänger – aber er gehört zu den wichtigsten, die man kennenlernen sollte. Er lehrt einen, dass Whisky nach seiner Herkunft schmecken kann, dass die Herstellungsmethoden eine Rolle spielen und dass Integrität ihre Spuren auf der Zunge hinterlässt. Er beweist, dass manche Aromen, genau wie manche Schallplatten, nicht darauf ausgelegt sind, sofort zu gefallen; sie sind darauf ausgelegt, Bestand zu haben.

Und vielleicht ist das der nächste Schritt: nicht nur zu Hause einen Springbank 10 zu trinken, sondern die Reise nach Campbeltown selbst anzutreten – einer Stadt mit salziger Luft und steinernen Kais, in der die Brennerei noch immer so betrieben wird wie eh und je. Oder eine Bar zu finden, die diesen Whisky versteht und ihn zusammen mit Musik serviert, die so bodenständig ist wie Astatkes hypnotischer Jazz. Denn manche Whiskys entfalten, genau wie manche Alben, ihre volle Wirkung erst dann, wenn man den richtigen Rahmen dafür findet.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten,abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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