Jazz-Standards – Die Lieder, die wieder zu leben gelernt haben

Jazz-Standards – Die Lieder, die wieder zu leben gelernt haben

Von Rafi Mercer

Ein Jazz-Standard ist nicht einfach nur ein altes Lied.

Es ist ein Lied, das Musiker immer wieder gerne spielen.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Ein berühmtes Lied kann zu einem bestimmten Moment gehören. Ein Standard überdauert diesen Moment. Er wird zu einer gemeinsamen Sprache: etwas, worüber sich Musiker austauschen, worüber sie diskutieren, das sie ausdehnen, abmildern, zerlegen, neu zusammenfügen können – und das sie dennoch wiedererkennen, wenn die Melodie zurückkehrt.

Viele der bekanntesten Jazz-Standards entstanden ursprünglich gar nicht im Jazz. Sie stammen aus dem Broadway, aus Hollywood-Musicals, aus der Tin-Pan-Alley-Songwriting-Tradition und aus der breiteren amerikanischen Popmusiktradition der frühen und mittleren Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das „Great American Songbook“ ist ein Kanon einflussreicher populärer Lieder und Jazz-Standards aus dieser Zeit – Material, das für Theater, Musiktheater und Hollywood-Filme geschrieben wurde. Deshalb können Stücke wie „All the Things You Are“, „My Funny Valentine“, „Summertime“ oder „Autumn Leaves“ gleichzeitig vertraut und doch unendlich unvollendet wirken. Das ursprüngliche Lied ist nur das erste Leben. Der Jazz schenkt ihm weitere.

Ein Standard ist ein Treffpunkt.

Eine Gruppe von Musikern, die noch nie zusammen gespielt haben, kann auf die Bühne treten, ein Stück ansagen, eine Tonart festlegen, das Tempo vorgeben und loslegen. Hinter dieser scheinbaren Freiheit verbirgt sich eine gemeinsame Struktur: Melodie, Harmonie, Form, Rhythmus, Erinnerung. Das Lied gibt ihnen ein Zuhause. Die Improvisation ermöglicht es ihnen, die Möbel umzustellen.

Das ist eine der großartigen Ideen des Jazz. Freiheit entsteht nicht dadurch, dass man keine Struktur hat. Freiheit braucht oft eine Struktur, die stark genug ist, um Risiken zu überstehen.

Deshalb sind Standards so wichtig.

Sie lehren Musiker, wie man beim Spielen zuhört. Sie lehren Gedächtnis, Geduld, Phrasierung, Zurückhaltung und Überraschung. Außerdem tragen sie Geschichte in sich. Jede Interpretation steht im Dialog mit ihren Vorgängern. Wenn ein Saxophonist „Body and Soul“ spielt, spielt er nicht nur eine Ballade. Er tritt in einen langen Dialog ein, an dem Coleman Hawkins, Billie Holiday, John Coltrane, unzählige Clubmusiker und Tausende namenloser Musiker beteiligt sind, die das Stück um Mitternacht am Leben erhielten.

Das hat etwas Schönes an sich.

Die moderne Kultur behandelt Lieder oft wie Produkte: Sie werden veröffentlicht, beworben, konsumiert und ersetzt. Jazz-Standards widersetzen sich dieser Logik. Sie sind mit ihrer ersten Aufnahme noch nicht vollendet. Durch die Wiederholung gewinnen sie an Lebendigkeit. Es geht nicht um Neuheit. Es geht um die Wiederkehr.

Deshalb kann der Begriff „Standard“ irreführend sein. Er klingt feststehend. Offiziell. Museumshaft. Doch im Jazz ist ein Standard fast das Gegenteil davon. Es ist ein Stück, das stabil genug ist, um verändert zu werden.

Das „Real Book“ machte dies in praktischer Form sichtbar. Diese weit verbreitete Sammlung von Lead Sheets für Jazzmusiker kursierte zunächst in den 1970er Jahren inoffiziell, bevor später legale Ausgaben erschienen. Diese Seiten enthielten nicht die gesamte Musik. Sie gaben den Musikern gerade genug: Melodie, Akkorde, Form. Der Rest musste im Raum gefunden werden.

Das ist die tiefere Erkenntnis.

Ein Jazz-Standard ist nicht das Notenblatt. Er ist nicht einmal die Melodie. Er ist der Akt, sich ihm mit neuer Aufmerksamkeit zuzuwenden.

Aus diesem Grund können auch neuere Stücke zu Klassikern werden. Chick Coreas „La Fiesta“ ist ein gutes Beispiel dafür. Es stammt weder vom Broadway noch aus Hollywood. Es entsprang der Welt des modernen Jazz-Fusion der 1970er Jahre, doch die Musiker spielten es immer wieder, weil es die notwendigen Eigenschaften besaß: einen einprägsamen Charakter, eine starke harmonische und rhythmische Lebendigkeit sowie genügend Raum für Interpretationen.

Ein Standard wird zum Standard, weil Musiker ihn brauchen.

Nicht, weil jemand es für heilig erklärt.

Und vielleicht ist das ja das Wichtigste an der ganzen Sache. Jazz-Standards zeigen, wie Kultur richtig überlebt. Nicht, indem sie erstarrt. Nicht, indem sie endlos „aktualisiert“ wird, bis das Original verschwindet. Sondern indem sie gelebt, gespielt, hinterfragt, geliebt und weitergegeben wird.

Deshalb sind Standards keine Nostalgie.

Sie sind die lebendige Erinnerung.

Jedes Mal, wenn jemand „Autumn Leaves“ in einer kleinen Bar, einem Übungsraum an einer Musikhochschule, einer Hotellounge, bei einer nächtlichen Jam-Session oder in einem Hörraum irgendwo weit entfernt von dem Ort spielt, an dem das Stück seinen Ursprung hat, geschieht dasselbe stille Wunder. Ein Musikstück reist durch die Zeit und wird wieder gegenwärtig. Miles Davis hat das vielleicht besser verstanden als jeder andere – „Kind of Blue“ basiert ganz und gar auf demselben Impuls: gemeinsame Form, maximale Freiheit, die Melodie als ein Haus, durch das sich die Musiker in jede beliebige Richtung bewegen konnten.

Nicht erhalten.

Wieder aktiviert.

Und vielleicht ist das der Grund, warum Jazz nach wie vor eine so große Bedeutung hat. Er versteht, dass Tradition nicht gleichbedeutend mit Gehorsam ist. Tradition ist ein Dialog. Man lernt die Melodie, um sich durch sie ehrlich ausdrücken zu können. Man respektiert die Form, um innerhalb dieser Form etwas wagen zu können. Dave Brubeck bewies, wie weit dieses Risiko reichen kann – „Time Out“ übernahm die Struktur des Standards und baute sie in Taktarten neu auf, die diese Form zuvor noch nie ausprobiert hatte. Ornette Coleman ging sogar noch weiter, indem er das harmonische Gerüst komplett entfernte und darauf vertraute, dass die Melodie allein ausreichte, um das Ganze zusammenzuhalten.

Ein Standard ist ein Lied, das gelernt hat, immer wieder zuzuhören.


Kurze Fragen

Was ist ein Jazz-Standard?

Ein Lied, das Musiker immer wieder gerne spielen. Nicht, weil es alt oder berühmt ist, sondern weil es genug Eigencharakter, harmonische Lebendigkeit und Interpretationsspielraum besitzt, um es über Generationen hinweg immer wieder neu zu interpretieren, zu verändern und wieder aufzugreifen.

Warum sind Jazz-Standards heute noch von Bedeutung?

Weil sie sich der Logik des Konsums widersetzen. Während die moderne Kultur Lieder als Produkte betrachtet, die veröffentlicht und durch neue ersetzt werden, gewinnt ein Klassiker durch die Wiederholung an Lebendigkeit. Jede Version steht im Dialog mit ihren Vorgängern.

Können neuere Songs zu Jazz-Standards werden?

Ja. Chick Coreas„La Fiesta“ ist ein gutes Beispiel dafür – eine Komposition aus den 1970er Jahren, die in das Standardrepertoire aufgenommen wurde, weil die Musiker sie brauchten, und nicht, weil jemand sie zum Klassiker erklärt hätte.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie unseren Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu lesen.

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