Flüsse, Rhythmus und Resonanz: „Giant Steps“ in Hackney Wick

Von Rafi Mercer

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„Giant Steps“ ist einer der beliebtesten Orte für Musikliebhaber in East London – mehr dazu erfahren Sie in unserem Leitfaden zu den Londoner Musiklokalen.

Name des Veranstaltungsortes: Giant Steps
Adresse: 40–44 Fish Island, Hackney Wick, London E3 2NT, Vereinigtes Königreich
Website: giantsteps.london
Telefon: k. A.
Spotify-Profil: k. A.

Es gibt Orte in London, an denen Musik wie eine Nebenbemerkung durch die Wände dringt, als Begleitelement zu Essen oder Trinken. Und dann gibt es jene seltenen Orte, an denen der Klang selbst die Architektur ist, das Fundament, auf dem alles andere aufbaut. „Giant Steps“ gehört eindeutig zu Letzteren.

Die Geschichte beginnt mit denselben Visionären, die bereits hinter dem „Brilliant Corners“ in Dalston standen und ihren Blick nach Osten in Richtung Hackney Wick richteten, wo sie neue Möglichkeiten erkannten. Fish Island war bereits ein lebendiger Ort voller Künstler, Lagerhallen und der Gezeitenströmung des Flusses Lea. Hier stellten sie sich einen Ort vor, der nicht nur eine Bar, ein Restaurant oder ein Club sein sollte, sondern ein lebendiger Organismus, der ganz dem Zuhören gewidmet ist.

Wenn man durch die Türen tritt, fällt der erste Blick nicht auf die Bar oder die Tische. Es ist die Größe der Soundanlage. Lautsprecher, die wie Skulpturen angeordnet sind. Plattenspieler, die wie Instrumente in einem Orchester positioniert sind. Jedes Einzelteil ist so platziert, dass es den Raum nicht dominiert, sondern harmonisiert. Im „Giant Steps“ hört man die Musik nicht so sehr, als dass man sie vielmehr erlebt.

Was gespielt wird, ist selten vorhersehbar. Das Programm, das oft von DJs gestaltet wird, die Jahrzehnte in Plattenläden und auf Tanzflächen verbracht haben, ist von großer Flexibilität geprägt. An einem Abend hört man vielleicht Deep-Jazz-Fusion-Platten neben äthiopischen Grooves; an einem anderen ein Mosaik aus Disco-Raritäten und House, das niemals in Klischees abgleitet. Die Konstante ist das Vinyl, das Surren der Schallplatte unter der Nadel und die unerschütterliche Klangtreue der Anlage.

Im Gegensatz zu vielen Londoner Veranstaltungsorten, die auf Lautstärke setzen, lebt Giant Steps von der Dynamik. Die Anlage kann ebenso kraftvoll flüstern wie dröhnen. Das leiseste Detail ist ebenso deutlich zu hören wie der donnernde Drop. Es gibt Abende, an denen sich der ganze Saal nach vorne beugt und zwischen den Tönen verstummt, als würden sich das Publikum und die Anlage verschwören, um gemeinsam zuzuhören.

Die Innenausstattung schafft Raum für dieses Hörerlebnis. Breite Holzböden, großzügige Deckenhöhe, eine Beleuchtung, die eher sanft wirkt als zu blenden. Nichts wird überstürzt. Selbst der Getränkeservice verläuft in gemächlichem Tempo, ganz im Sinne der Idee, dass dies kein Ort ist, den es zu erobern gilt, sondern den es zu genießen gilt.

Draußen erweitert die Terrasse am Flussufer die Vorstellung davon, was eine „Listening Bar“ sein kann. An Sommertagen schwebt die Musik über das Wasser und vermischt sich mit den Düften der Imbissstände und dem Gelächter von Freunden, die sich auf den Bänken ausstrecken. Der Fluss wird Teil des akustischen Raums und trägt den Klang eher in Wellenbewegungen als in Wellen fort. Im Winter richtet sich der Fokus nach innen, und der Raum verwandelt sich in einen intimen Kokon.

Das Essen spielt eine zentrale Rolle. Giant Steps arbeitet mit wechselnden Köchen zusammen, von denen jeder neue Energie in die Küche bringt. Doch das Essen darf niemals die Musik in den Schatten stellen; es dient dazu, den Körper zu stärken, damit das Ohr aufmerksam bleiben kann. Curry, Barbecue, vegane Kleinigkeiten – das Angebot wechselt mit jeder Saison, doch die Absicht bleibt stets dieselbe.

Das Publikum spiegelt die Bandbreite des Programms wider. Sammler mit Notizbüchern voller Katalognummern sitzen neben Tänzern, die keinen Titel kennen müssen, um den Groove zu spüren. Internationale Gäste, die in „Resident Advisor“ oder „Vinyl Factory“ über „Giant Steps“ gelesen haben, finden sich neben Einheimischen aus Hackney wieder, die schon seit Jahren auf den Treidelpfaden unterwegs sind. Was sie verbindet, ist ein gemeinsames Verständnis: Hier geht es nicht um Hintergrundmusik. Hier geht es um Präsenz.

Bestimmte Abende sind von einer fast schon spirituellen Atmosphäre geprägt. Ein DJ nimmt eine Schallplatte aus der Hülle, hält sie einen Moment lang in die Höhe und lässt dann die Nadel auf die Platte gleiten. Der Raum verstummt, wartet – und dann entfaltet sich der Klang. Das sind keine Auftritte im herkömmlichen Sinne – es sind Dialoge zwischen dem DJ, der Anlage und den Zuhörern.

Im größeren Ökosystem der Londoner „Listening Bars“ ist das „Giant Steps“ ein Eckpfeiler. Es zeigt, was passiert, wenn Klangtreue nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit betrachtet wird, wenn das Musikhören auf dieselbe kulturelle Ebene wie Essen, Kunst und Gemeinschaft gehoben wird. Während das „Brilliant Corners“ dieses Ethos in einen intimen Raum in Dalston verdichtete, ermöglichte das „Giant Steps“, dass es sich ausbreiten, atmen und nachhallen konnte.

Sein Vermächtnis ist bereits deutlich erkennbar. Neuere Hörbars in London nennen „Giant Steps“ oft als Vorbild – als Beweis dafür, dass klangorientierte Veranstaltungsorte in einer Stadt, in der Musik allzu oft als Wegwerfware betrachtet wird, überleben und florieren können. Für alle, denen Schallplatten, Akustik und das fragile Erlebnis des gemeinsamen Musikhörens am Herzen liegen, ist „Giant Steps“ ein Pilgerort.

Wenn man danach nach draußen tritt, spiegelt die Lea die Lichter wider, Hackney Wick pulsiert mit seinen Afterpartys in den Lagerhallen, und man trägt die Erinnerung an Musik in sich, die man nicht nur gehört, sondern auch verkörpert hat. „Giant Steps“ ist nicht einfach nur ein Veranstaltungsort. Es ist eine Erinnerung daran, dass eine Stadt anders atmet, wenn sie gemeinsam zuhört.

Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.


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