Original, Neuauflage oder Remaster? So entschlüsseln Sie eine Schallplattenpressung.

Original, Neuauflage oder Remaster? So entschlüsseln Sie eine Schallplattenpressung.

Warum ein und dasselbe Album auf drei verschiedene Arten klingen kann – und wie man entscheidet, was in das eigene Regal gehört

Von Rafi Mercer

Stellen Sie sich Folgendes vor: zwei Exemplare derselben Schallplatte, dieselbe Hülle, dieselbe Titelliste – doch sobald die Nadel auf die Platte trifft, ist das Hörerlebnis völlig anders. Das Klavier klingt luftiger, der Bass wirkt wärmer, der Raum um die Instrumente herum verändert sich. Für den gelegentlichen Hörer klingen sie identisch. Für das durch eineHörbar geschulte Ohr liegen Welten zwischen ihnen.

Das ist das stille Rätsel der Schallplatte. Nicht jede Pressung ist gleich, und der Unterschied zwischen einem Original, einer Neuauflage und einem Remaster kann darüber entscheiden, ob ein Album in Ihrem Regal zur Geltung kommt oder in seinen Rillen versinkt. Dieser Unterschied ist wichtiger, als den meisten Käufern bewusst ist – und wenn man ihn einmal verstanden hat, kann man ihn nicht mehr überhören.

Was ist eine Originalpressung?

Eine Originalpressung entsteht zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des Albums oder kurz danach und wird direkt von den Masterbändern der ersten Generation geschnitten. Diese sind besonders begehrt, da der Signalweg vom Studio bis zur Rille so kurz wie möglich ist. Weniger Kopiergenerationen bedeuten weniger Qualitätsverlust – die Musik erreicht Ihr Zimmer so, wie sie im Studio geklungen hat.

Labels wie Blue Note, Prestige und Impulse! produzierten in den 1950er- und 1960er-Jahren Originalaufnahmen in kleinen Auflagen, die heute zu den begehrtesten Objekten unter Plattensammlern zählen. Miles Davis’ „Kind of Blue“, Pharoah Sanders’ „Thembi“, Donald Byrds „Black Byrd“ – diese Originalaufnahmen wurden zum Herzblut der japanischen „Kissaten“, Räume, in denen das aufmerksame Zuhören als Disziplin gepflegt wurde und die Pressung auf dem Plattenspieler ebenso wichtig war wie die Komposition selbst.

Der Nachteil liegt auf der Hand: Originale sind teuer, oft abgenutzt und in einem wirklich hörbaren Zustand immer schwerer zu finden. Eine Erstpressung mit Oberflächengeräuschen und Rillenbeschädigungen klingt häufig schlechter als eine gut gemachte moderne Neuauflage. Seltenheit ist nicht gleichbedeutend mit Qualität.

Was ist eine Neuauflage – und wann lohnt sie sich?

Eine Neuauflage ist eine spätere Pressung eines Albums, die erfolgt, wenn die ursprüngliche Auflage ausverkauft ist oder die Nachfrage wieder anzieht. Dabei können entweder die gleichen Masterbänder oder eine Kopie von minderer Qualität verwendet werden – und genau dieser Unterschied macht den entscheidenden Unterschied aus.

Die besten Neuauflagen sind außergewöhnlich. Japanische Pressungen aus den 1970er- und 1980er-Jahren gelten in Sammlerkreisen aufgrund ihrer Klangtreue als legendär – schwereres Vinyl, strengere Qualitätskontrolle und Mastering-Ingenieure mit einem fast schon kriminaltechnischen Gespür für den Klang. Hiroshi Suzukis „Cat“ ist ein perfektes Beispiel dafür: Die japanische Pressung gilt weithin als die maßgebliche Version, die das Original in Sachen klanglicher Tiefe und Klarheit übertrifft. Masabumi Kikuchis „Poo-Sun“ folgt derselben Logik – eine Platte, die außerhalb Japans kaum existierte, bis sie durch Neuauflagen auch in den Clubs in Kopenhagen, Barcelona und Lissabon zugänglich wurde, wo sie nun regelmäßig gespielt wird.

Die schlechtesten Neuauflagen sind an vielen Stellen an der Qualität gespart worden – Kopien von Bändern hoher Generation, dünnes Vinyl, nachlässiges Mastering. Genau diese Pressungen sind es, die Neuauflagen einen schlechten Ruf einbringen. Das Label und das Erscheinungsjahr spielen eine enorme Rolle. Eine japanische Pressung eines Blue-Note-Klassikers aus den 1970er Jahren ist nicht dasselbe wie eine Billig-Neuauflage aus den 1990er Jahren, auch wenn auf beiden Hüllen „Neuauflage“ steht.

Was ist ein Remaster – und sollte man ihm vertrauen?

Ein Remaster ist eine neue Übertragung der Originalaufnahmen unter Verwendung moderner Technik, in der Regel mit Anpassungen hinsichtlich Dynamik, Klangausgleich oder Rauschunterdrückung. Dies ist unabhängig von der physischen Pressung – ein Remaster kann auf Vinyl mit Originalgewicht oder auf schwerem Audiophilen-Vinyl gepresst werden. Die beiden Fragen („Wie wurde es gemastert?“ und „Wie wurde es gepresst?“) sind unterschiedliche Fragen.

Das Versprechen eines Remasters ist Klarheit: Rauschen reduziert, Dynamik wiederhergestellt, verborgene Details offenbart. Brian Enos „Ambient 1: Music for Airports“ wurde bereits mehrfach remastert, wobei jede Generation etwas entdeckte, was die vorherige im Schatten gelassen hatte. Wenn der Toningenieur die ursprüngliche Absicht versteht und mit Zurückhaltung arbeitet, kann das Ergebnis eine echte Offenbarung sein. Miles Davis’ „In a Silent Way“ profitierte von einer sorgfältigen Remastering-Bearbeitung, die den Studioraum selbst in den Fokus rückt – den Raum als Instrument.

Das Risiko liegt genau im Gegenteil: Überbearbeitung, Lautstärkekrieg, Kompression, die die Dynamik zunichte macht und die Musik flach und ermüdend klingen lässt. Ein Remaster, bei dem Lautstärke Vorrang vor Klangtreue hat, klingt auf einer hochwertigen Anlage schlechter als eine Originalpressung in mäßigem Zustand. Das wird beim Hören sofort deutlich – Räume, die auf eine hochwertige Wiedergabe ausgelegt sind, verzeihen keine schlechten Mastering-Entscheidungen.

Was ist 180-g-Vinyl – und klingt es tatsächlich besser?

180-Gramm-Vinyl ist schwerer als Standardpressungen (in der Regel 120–140 g) und wird mit audiophilen Neuauflagen in Verbindung gebracht. Die Theorie besagt, dass schwereres Vinyl weniger anfällig für Verformungen ist, Vibrationen besser absorbiert und ein stabileres Hörerlebnis ermöglicht. In der Praxis spielt das Gewicht des Vinyls jedoch eine geringere Rolle als die Qualität des Masterings und die Sorgfalt bei der Pressung. Eine nachlässig gemasterte 180-g-Neuauflage klingt schlechter als ein gut gepresstes Standard-Original. Das Gewicht ist ein Zeichen der Absicht, keine Qualitätsgarantie.

Was ist Half-Speed-Mastering?

Beim Half-Speed-Mastering wird die Lackplatte mit halber Geschwindigkeit geschnitten, während das Tonband ebenfalls mit halber Geschwindigkeit abläuft – die Wiedergabe erfolgt dann mit normaler Geschwindigkeit. Die niedrigere Schneidegeschwindigkeit ermöglicht es der Schneidnadel, hochfrequente Informationen genauer abzutasten, was zu einer verbesserten Detailwiedergabe im Hochtonbereich und einer breiteren Klangbühne führt. Labels wie Mobile Fidelity Sound Lab (MoFi) und Analogue Productions haben sich mit Half-Speed-Mastering-Veröffentlichungen einen Namen gemacht. Diese gehören in der Regel zu den klanglich besten Pressungen, die für klassische Alben erhältlich sind, was sich allerdings auch im Preis widerspiegelt.

Spielt die Presserei eine Rolle?

Ja – und zwar erheblich. Verschiedene Presswerke haben unterschiedliche Standards, unterschiedliche Ausrüstung und unterschiedliche Erfolgsbilanz. In der klassischen Ära hatten Werke wie Van Gelder (der Toningenieur, der die meisten Blue-Note-Originale presste), Decca und EMI Hayes einen über Jahrzehnte gewachsenen Ruf. Heute zählen Presswerke wie QRP (Quality Record Pressings) in Kansas, Pallas in Deutschland und RTI in Kalifornien zu den besten für audiophile Veröffentlichungen. Beim Kauf einer modernen Neuauflage lohnt es sich, das auf dem Cover oder in den Discogs-Anmerkungen angegebene Presswerk zu überprüfen.

Der Hörstangentest

Die Räume, die die Hörkultur in Tokio, Osaka, Kyoto und mittlerweile auch in London, New York und Seoul geprägt haben, haben schon immer etwas verstanden, was dem Gelegenheitssammler manchmal entgeht: Die Pressung ist Teil der Musik. Der Raum spielt nicht einfach nur Schallplatten ab – er enthüllt sie. Und was er bei einer schlechten Pressung auf einer hochwertigen Anlage offenbart, kann erschreckend sein.

Die Besitzer dieser Räume verbringen Jahre damit, für jede Schallplatte das richtige Exemplar zu finden. Nicht das seltenste. Nicht das teuerste. Sondern das, das in genau diesem Raum, auf genau dieser Anlage und bei genau dieser Lautstärke richtig klingt. Diese Disziplin – die Geduld, die passende Pressung zu finden – ist genau die Disziplin, die die Hörbar zu dem macht, was sie ist.

Welche Pressung gehört in Ihr Plattensammelregal? Diejenige, die in Ihrem Zimmer für Ihr Ohr am besten klingt. Der Zustand ist wichtiger als der Prestigewert. Eine abgenutzte Originalpressung klingt schlechter als eine gut gepresste Neuauflage. Klangtreue und Hörerlebnis sind stets wichtiger als Seltenheit. Lesen Sie die Anmerkungen der Discogs-Community, vertrauen Sie auf die Bewertungen verifizierter Verkäufer und hören Sie sich die Platte an, bevor Sie sich entscheiden. Der Albumführer „Tracks & Tales“ stellt die Platten vor, bei denen sich diese Sorgfalt am meisten auszahlt.


Was ist eine Original-Vinylpressung? Eine Originalpressung wird zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung eines Albums oder kurz danach hergestellt und von den Masterbändern der ersten Generation geschnitten. Diese sind besonders begehrt, da der Signalweg am kürzesten ist – weniger Kopien bedeuten weniger Qualitätsverlust. Labels wie Blue Note, Prestige und Impulse! produzierten in den 1950er- und 1960er-Jahren Originale in kleinen Auflagen, die nach wie vor den Maßstab für Klangqualität setzen, wobei Zustand und Preis jedoch erhebliche Variablen darstellen.

Was ist der Unterschied zwischen einer Neuauflage und einem Remaster? Eine Neuauflage ist eine spätere Pressung eines Albums, die erfolgt, wenn die ursprüngliche Auflage ausverkauft ist. Ein Remaster ist eine Neuabmischung der Originalaufnahmen unter Verwendung moderner Technik. Das sind zwei verschiedene Dinge – eine Neuauflage kann anhand der Originalbänder gemastert werden und hervorragend klingen; ein Remaster kann auf 180-g-Vinyl gepresst werden und dennoch schlechter klingen als das Original, wenn das Mastering zu aggressiv durchgeführt wurde. Überprüfen Sie vor dem Kauf immer sowohl die Mastering-Quelle als auch die Presserei.

Sind japanische Pressungen wirklich besser? Oftmals ja, insbesondere aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Japanische Pressungen aus dieser Zeit zeichneten sich durch schwereres Vinyl, strengere Qualitätskontrollen und Mastering-Ingenieure aus, die außergewöhnlich viel Wert auf Klangtreue legten. Alben wie „Cat“ von Hiroshi Suzuki und „Poo-Sun“ von Masabumi Kikuchi gelten in ihren japanischen Pressungen als die Maßstäbe. Allerdings sind einige Originalpressungen aus den USA und Großbritannien nach wie vor unübertroffen – das hängt vom jeweiligen Album und dem Label ab.

Klingt 180-g-Vinyl besser? Nicht unbedingt. Schwereres Vinyl ist zwar widerstandsfähiger gegen Verformungen und Vibrationen, doch die Qualität des Masterings ist weitaus entscheidender als das Gewicht der Schallplatte. Eine nachlässig gemasterte 180-g-Neuauflage klingt schlechter als eine gut gepresste Standard-Originalausgabe. Das Gewicht ist eher ein Zeichen der Absicht als eine Garantie für Qualität.

Was ist Half-Speed-Mastering? Eine Technik, bei der sowohl das Tonband als auch die Schneidemaschine während des Masterings mit halber Geschwindigkeit laufen, die Schallplatte dann aber mit normaler Geschwindigkeit abgespielt wird. Durch den langsameren Schnitt kann die Nadel hochfrequente Details präziser wiedergeben, was zu besseren Höhen und einer breiteren Klangbühne führt. Labels wie Mobile Fidelity und Analogue Productions sind für diesen Ansatz bekannt. Diese Pressungen gehören in der Regel zu den klanglich besten, die für klassische Alben erhältlich sind.

Wie kann ich feststellen, um welche Pressung es sich bei meiner Platte handelt? Überprüfen Sie die Matrixnummer, die in das „Dead Wax“ – den Bereich zwischen der letzten Rille und dem Etikett – eingraviert ist. Dieser Code gibt Aufschluss über die Presserei, die Generation der Lackplatte und manchmal auch über den Toningenieur. Vergleichen Sie die Daten auf Discogs mit bekannten Pressungen und lesen Sie vor dem Kauf die Anmerkungen von Sammlern zur Klangqualität.

Welche Pressung sollte ich mir eigentlich kaufen? Die, die in Ihrem Zimmer am besten klingt. Der Zustand ist wichtiger als die Seltenheit – eine abgenutzte Originalpressung klingt schlechter als eine gut gepresste Neuauflage. Lesen Sie die Anmerkungen der Discogs-Community, vertrauen Sie auf die Bewertungen verifizierter Verkäufer und hören Sie sich die Platte nach Möglichkeit an, bevor Sie sich entscheiden. Der „Tracks & Tales“-Albumführer stellt die Platten vor, bei denen sich diese Sorgfalt am meisten lohnt.

Wo kann ich mehr über Alben erfahren, die es wert sind, ernsthaft angehört zu werden? Der „Tracks & Tales“-Albumführer stellt Alben vor, die in jeden ernsthaften Hörraum gehören. Der „Listening Club“ geht noch einen Schritt weiter – ein Album pro Monat, in voller Länge abgespielt, mit uneingeschränktem Zugriff auf Stadtführer aus 151 Ländern. 10 $ pro Monat, Gründungsmitgliedschaft.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Artikel aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.

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