Verloren in der Übersetzung
Von Rafi Mercer
Ich habe Sofia Coppolas „Lost in Translation“ schon unzählige Male gesehen. Zunächst konnte ich nicht erklären, warum mich der Film so fesselte. Ein ruhiger Film, der sich gemächlich dahinschlängelt und kaum eine Handlung hat. Aber in letzter Zeit glaube ich, es zu verstehen: Es geht nicht um die oberflächliche Geschichte, sondern um die darunter liegenden Facetten – den Klang, die Stille, den Whisky, das Gefühl der Entfremdung, gleichzeitig verloren und doch zutiefst lebendig zu sein.
Der Film ist vor allem wegen seiner Bilder in Erinnerung geblieben – die neonbeleuchteten Straßen Tokios, Hotelbars, die kühlen Blautöne der nächtlichen Innenräume –, doch für mich war schon immer der Ton entscheidend. Die Stille in den Aufzügen, das gedämpfte Geschwätz in den Lobbys, das Flüstern der Stimmen durch die Karaoke-Mikrofone. Coppola lässt der Stille ebenso viel Gewicht zukommen wie dem Dialog. Den Film anzuschauen ist weniger wie dem Verlauf einer Geschichte zu folgen, sondern eher wie in einer „Listening Bar“ zu sitzen: Man ist eingeladen, sich einzustimmen, die Atmosphäre wahrzunehmen und die Resonanz der Pausen zu spüren.
Dann ist da noch der Whisky. Genauer gesagt: Suntory, feierlich in ein Glas gegossen, das vor dem Hintergrund des polierten Holzes der Bar bernsteinfarben leuchtet. „For relaxing times, make it Suntory time.“ Bill Murrays Vortragsweise wurde zum Meme, doch im Mittelpunkt steht der Whisky selbst. Er verkörpert das Ritual der Stille, die Art und Weise, wie ein Getränk den Akt des Zuhörens einrahmen kann. Wenn ich mir diese Szenen heute anschaue, sehe ich die Verbindung zu den Kissaten und den „Listening Bars“, in denen ich Zeit verbracht habe: Platten, die laufen, erhobene Gläser, das Getränk und die Musik, die Teil derselben Atmosphäre werden.
Auch der Soundtrack ist unverzichtbar. „Alone in Kyoto“ von Air, „Sometimes“ von My Bloody Valentine, „Too Young“ von Phoenix. Lieder, die zwischen Melancholie und Euphorie schweben und wie Gedanken dahintreiben. Sie schmücken den Film nicht nur – sie sind der Film. Coppola setzte sie so ein, wie ein DJ in einer Listening-Bar Vinylplatten einsetzt: um den Raum zu prägen, die Stimmung zu lenken, die Stille zwischen den Tönen zu vertiefen. Der Film verläuft wie eine Playlist, jeder Titel ist ein Emotionsbild, jede Pause ein Beat.
Mir ist jetzt klar, warum ich immer wieder darauf zurückgekommen bin. In „Lost in Translation“ geht es darum, fehl am Platz zu sein, aber in Fragmenten einen Sinn zu finden – in einem Lied, in einem Glas, in einer flüchtigen Verbindung zu jemandem, der zufällig auf derselben Wellenlänge ist. Dieses Gefühl ist genau das, wonach ich in der Musik schon immer gesucht habe. Manchmal versteht man nicht, warum einen eine Platte so in ihren Bann zieht. Erst später wird einem klar, dass sie den eigenen Zustand widerspiegelte – unruhig, auf der Suche, offen für Überraschungen.
In dem Film geht es auch um Achtsamkeit. In einer Welt, in der alles viel zu schnell vor sich geht, zwingt uns Coppola dazu, einen Gang herunterzuschalten. Die Szenen dauern länger an, als wir erwarten, die Pausen ziehen sich in die Länge, die Musik wird fast in voller Länge gespielt. Uns bleibt Zeit, kleine Dinge wahrzunehmen – den Ausdruck auf Scarlett Johanssons Gesicht, während sie auf die Stadt blickt, die stille Würde von Murrays Figur, wenn er mit seinem Whisky dasitzt, die Art und Weise, wie ein Lied von einer Szene in die nächste übergeht. Das ist Kino als Hörübung: Geduld, Präsenz, Eintauchen.
In diesem Sinne ist „Lost in Translation“ fast schon prophetisch. Der 2003 gedrehte Film nahm den weltweiten Trend vorweg, den „Listening Bars“ heute verkörpern – Orte, an denen Menschen nicht hingehen, um dem Lärm mit noch mehr Lärm zu entfliehen, sondern um sorgfältig kuratierte Klänge zu genießen, gepaart mit einem Drink, der einen zur Ruhe kommen lässt. Der Whisky im Film ist weniger Produktplatzierung als vielmehr ein Symbol: ein Zeichen für Ritual, dafür, sich Zeit zu nehmen und einen Moment zu genießen, der sonst vielleicht unbemerkt vergehen würde.
Rückblickend glaube ich, dass mich der Film angezogen hat, weil er dieselbe DNA hatte wie die Musik, die ich liebte. Er basierte auf Atmosphäre, Stille und Details. Er vertraute darauf, dass das Publikum sich darauf einlassen und ohne Erklärungen fühlen würde. Und in seiner Mischung aus Melancholie und Freude, Einsamkeit und Verbundenheit besaß er dieselbe emotionale Komplexität wie die besten Alben.
Ja, jetzt verstehe ich, warum ich mir den Film so oft angesehen habe. „Lost in Translation“ ist nicht nur ein Film. Es ist eine Hörbar auf der Leinwand: Whisky in der Hand, Musik im Hintergrund, Stille wird gewürdigt. Eine Erinnerung daran, dass selbst dann, wenn wir uns am meisten verloren fühlen, die Geräusche um uns herum immer einen Sinn haben – wenn wir uns nur die Zeit nehmen, ihnen zuzuhören.
Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Wenn Sie weitere Beiträge aus „Tracks & Tales“ lesen möchten, abonnieren Sie den Newsletter hier oder klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.