Lugano Listening Bars – sonnig, melodisch, mediterrane Gelassenheit – Tracks & Tales Guide

Wo die Emotionen den Weg weisen und der Klang folgt.

Von Rafi Mercer

Lugano hört anders zu als der Rest der Schweiz. Die Stadt liegt im italienischsprachigen Kanton Tessin und fühlt sich näher an Mailand als an Zürich, näher am Mittelmeer als an den Alpen – auch wenn sich die Berge hinter ihr immer noch still erheben. Der Luganer See prägt den Rhythmus der Stadt, mildert Ecken und Kanten, verlangsamt die Bewegungen und schenkt den Klängen einen wärmeren Ort, an dem sie landen können. Das ist die Schweiz, aber mit aufgeknöpftem Kragen.

Die Musik hier legt den Schwerpunkt eher auf das Gefühl als auf die Form. Die Melodie ist wichtig. Der Klang ist wichtig. Ob Jazz, klassische Gitarre, Filmmusik oder vokalorientierte Alben – die Art und Weise, wie der Klang wahrgenommen wird, zeugt von einer emotionalen Offenheit. Lugano analysiert Musik nicht als Erstes – man lässt sie einfach auf sich wirken, lässt sie den Raum erfüllen, lässt sie im Körper nachklingen. Das Zuhören fühlt sich instinktiv an, fast schon körperlich.

Es herrscht ein starkes Gefühl des Fließens. Die Platten werden passend zum Licht, zur Tageszeit und zur Temperatur aufgelegt. Nachmittags sind sanftere Klänge gefragt; abends kommen reichhaltigere, ausdrucksstärkere Klänge zum Vorschein. Das Hören fühlt sich oft mit dem Ort verbunden an – Terrassen, offene Fenster, Wasser in der Nähe –, als wäre die Stadt selbst Teil des Ganzen. Der Klang steht hier nicht für sich allein, sondern verschmilzt mit der Umgebung.

Diese Herzlichkeit bedeutet jedoch keineswegs einen Mangel an Urteilsvermögen. In Lugano hört man aufmerksam zu – nur eben eher emotional als intellektuell. Man schätzt handwerkliches Können, musikalisches Gespür und Platten, die eine Geschichte und Seele in sich tragen. Man spürt, dass die Menschen hier immer wieder zu denselben Alben zurückkehren – nicht, um sie zu analysieren, sondern um mit ihnen zu leben.

Was Lugano zu bieten hat, sind Kontraste. Es erinnert daran, dass Präzision und Emotion keine Gegensätze sein müssen. Dass Schweizer Qualitätsbewusstsein und italienische Ausdruckskraft nebeneinander bestehen können. Dass man entspannt zuhören kann, ohne nachlässig zu sein.

Lugano klingt wie ein langer Abend am Wasser – gemächlich, melodisch und eher vom Gefühl als von Kraft geleitet.

In einer Welt, in der jeder darauf aus ist, gehört zu werden, hört Lugano zu.

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Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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