Bordeaux Listening Bars – Wein, Holz und die Kraft des Klangs – Tracks & Tales-Reiseführer

Eine Stadt, die langsam zuhört

Von Rafi Mercer

In Bordeaux hört man so, wie es dort fließt. Nichts wird hier überstürzt, und nichts muss zweimal gesagt werden. Der Klang legt sich über die Stadt wie das Abendlicht auf die Steinfassaden – allmählich und bewusst. Dies ist ein Ort, an dem Geduld eine kulturelle Währung ist, und das Zuhören folgt derselben Regel.

Wein bestimmt den Rhythmus von Bordeaux, prägt aber auch das Hörerlebnis. Lange Tische laden zu ausgedehnten Gesprächen ein. Die Abende ziehen sich in die Länge. Die Platten werden so ausgewählt, dass sie für die Dauer einer Flasche reichen, nicht nur für einen Augenblick. Jazz, Soul, Folk, Dub, zurückhaltende elektronische Musik – hier sind das weniger Genres als vielmehr Begleiter. Musik wird danach ausgewählt, wie sie einen Raum erfüllt, nicht danach, wie sie ihn beherrscht.

Die Hörkultur der Stadt bewegt sich ganz selbstverständlich zwischen Privatem und Öffentlichem. Die Atmosphäre aus den Wohnungen mit ihren sorgfältig abgestimmten Musikanlagen strömt in Cafés und Bars hinein. In den Plattenläden herrscht eine ruhige, bedächtige, fast schon heimelige Atmosphäre. In Bordeaux stöbert man nicht aggressiv. Man ist eingeladen, zu verweilen. Die schönsten Hörmomente entstehen oft ganz ungeplant, wenn einen ein Titel mitten im Satz erwischt und niemand das Bedürfnis verspürt, darüber hinwegzureden.

Bordeaux läuft keinen Trends hinterher. Es nimmt sie auf, prüft sie und behält nur das, was sich als beständig erweist. Deshalb wirkt seine Musikkultur eher zeitlos als retro. Platten aus verschiedenen Jahrzehnten lassen sich problemlos miteinander kombinieren, da sie eher durch ihre Stimmung als durch ihre Entstehungszeit vereint sind. Diese Musik wurde so ausgewählt, dass sie gut altern wird.

Das Hörerlebnis in Bordeaux zeichnet sich durch eine Eleganz aus, die niemals in Förmlichkeit umschlägt. Die Anlagen sind gut, werden aber niemals zum Selbstzweck erhoben. Die Musikauswähler sind sachkundig, geben sich aber selten prahlerisch. Die Stadt vertraut ihrem Geschmack so sehr, dass sie ihn nicht verteidigen muss. Diese Selbstsicherheit spürt man in der Art und Weise, wie die Räume eingerichtet sind – Lautsprecher, die eher auf Wärme als auf Präzision ausgerichtet sind, Lautstärken, die eher auf Gesprächsqualität als auf Spektakel ausgelegt sind.

Was Bordeaux zu einer Stadt des Zuhörens macht, ist Zurückhaltung. Zu wissen, wann man der Musik den Vortritt lassen muss und wann sie den Abend lediglich untermalen soll. Musik ist hier Teil der Gastfreundschaft. Ein Gastgeber, kein Hauptdarsteller.

In einer Welt, in der jeder darauf aus ist, gehört zu werden, nimmt sich Bordeaux Zeit zum Zuhören.


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Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt.
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