Ein Glas neben der Rille

Ein Glas neben der Rille

Von Rafi Mercer

Mir hat es schon immer gefallen, wie gut ein guter Whisky zu einer Schallplatte passt. Diese Kombination hat etwas an sich – das Gewicht des Glases in der Hand, die Wärme, die sich ausbreitet, während die Musik erklingt –, das fast schon wie geplant wirkt. Vielleicht haben deshalb so viele der ursprünglichen „Listening Bars“ in Japan den Whisky in ihr Ritual integriert. Man saß in einem dunklen Raum, das Licht war gedämpft, die Lautsprecher summten leise, und da war er: ein Glas Yamazaki oder Hibiki, pur, das geduldig wartete, während sich die Schallplatte drehte.

Diese Kombination macht Sinn. Whisky genießt man nicht in Eile. Genauso wenig wie das intensive Zuhören. Beides erfordert, dass man einen Gang zurückschaltet und aufmerksam wird. Die Art, wie eine Note in der Luft nachklingt, wie sich der Rauch im Glas windet. Der erste Schluck eines torfigen Single Malts unterscheidet sich nicht wesentlich von der ersten Bassnote aus einem Hornlautsprecher: Er trifft einen mitten in der Brust und entfaltet sich dann in einer Komplexität, die man nur schätzen kann, wenn man ihm Zeit gibt.

In Tokio oder Osaka entwickelte sich diese Tradition ganz natürlich. Importierte Jazzplatten und importierter Scotch – beides Raritäten, beides hochgeschätzt. Die Listening-Bar wurde zum Ort des Genusses und des Hörens – ein Doppelakt aus Genuss und Hingabe. Im Laufe der Jahre wurden die Whiskykarten genauso umfangreich wie die Schallplattenregale, jede Flasche mit ihrem eigenen Charakter, jeder Schluck passend zur Stimmung des Abends.

Doch nun, da das Konzept der „Listening Bar“ um die Welt geht, frage ich mich, wie sich dieses Ritual verändern wird. In Berlin findet man vielleicht einen Naturwein neben dem Plattenspieler, trüb und funky wie die Schallplatte, die sich auf dem Teller dreht. In Brooklyn ist es vielleicht Craft-Bier, dessen Hopfen ebenso sorgfältig ausgewählt wurde wie die Bassline der Schallplatte. In London schenkt ein Barkeeper vielleicht einen Gin Tonic ein, der so knackig ist wie die Hi-Hat in einem House-Track. Die weltweite Verbreitung der Hörkultur bedeutet nicht, dass Whisky verschwinden wird – ganz im Gegenteil –, aber sie bedeutet, dass die Kombination nicht mehr feststeht. Das Glas auf der Theke kann sich je nach Stadt ändern.

Dennoch nimmt Whisky einen besonderen Platz ein. Er vermittelt das Gefühl eines besonderen Anlasses. Ein Whisky ist kein Hintergrund, sondern steht im Vordergrund. Genau wie die Musik. Und vielleicht gehören die beiden deshalb zusammen. Man bestellt keinen Whisky, um sich schnell zu betrinken. Man bestellt ihn, um sich zurückzulehnen, ihn zu genießen und zu beobachten, wie er sich mit jedem Schluck verändert – ganz so, wie sich eine Schallplatte jedes Mal verändert, wenn man sie hört.

Was ich daran liebe, ist, dass unabhängig vom Getränk das Wesentliche immer dasselbe bleibt: die Vorstellung, dass das Zuhören Gesellschaft verdient. Dass ein Glas – sei es Whisky, Wein oder Wasser – nicht nur Erfrischung ist, sondern Teil der Atmosphäre. Es lässt einen zur Ruhe kommen, erdet einen und erinnert daran, im Hier und Jetzt zu sein. Das Getränk steht nie im Mittelpunkt, genauso wenig wie der Raum. Die Schallplatte steht im Mittelpunkt. Aber alles drum herum – das Glas, das Licht, die Gesellschaft – bereitet die Bühne.

Ja, Whisky wird also immer mit der Entstehungsgeschichte der „Listening Bar“ verbunden bleiben. Aber je mehr sich diese Kultur verbreitet, desto mehr wird sich diese Verbindung meiner Meinung nach lockern. Es geht nicht darum, Japan eins zu eins zu kopieren. Es geht darum, den Geist weiterzutragen: die Sorgfalt, die Geduld, die Hingabe an den Klang. Ob man nun ein Glas Whisky, Wein, Tee oder Limonade erhebt, spielt keine Rolle. Was zählt, ist, dass man es bewusst, aufmerksam und mit der vor einem laufenden Schallplatte tut.

Letztendlich haben Musik und Alkohol dieselbe Magie. Beide verändern die Wahrnehmung, beide bringen Menschen zusammen, beide hallen noch lange nach, wenn sie vorbei sind. Deshalb werde ich immer eine Flasche im Regal neben dem Plattenspieler stehen haben. Manchmal Whisky, manchmal auch nicht. Aber immer etwas, das mich daran erinnert, dass Musikhören ein Ritual ist – und Rituale sind mit einem Glas in der Hand einfach schöner.


Rafi Mercer schreibt über Orte, an denen Musik eine wichtige Rolle spielt. Für weitere Geschichten aus „Tracks & Tales“ abonnieren Sie hier, oder hier klicken, um mehr zu lesen.

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